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Christian Rak (Januar 2021)

Die Anfänge der Ehinger NSDAP

Im Januar 1931 gründen elf Männer die Ehinger Ortsgruppe der NSDAP. Wer sind diese ersten Parteigenossen? Die Spurensuche wird unter anderem zu einem angesehenen Schulleiter und einem kriminellen Hausverwalter führen.

Deutschland leidet unter der Weltwirtschaftskrise, die auch die politische Ordnung in ihren Grundfesten erschüttert. Die Feinde der Demokratie von rechts und links nehmen die Weimarer Republik heftig unter Beschuss. Auf den Straßen herrscht offene Gewalt. Der Aufstieg der NSDAP hat begonnen. Allerdings ist davon in Ehingen noch wenig zu spüren. Bei den Reichstagswahlen im September 1930 erzielt die Hitler-Partei reichsweit schon über 18 % der Stimmen, in Württemberg sind es erst 9 und in Ehingen nur knapp 6 %.

Die Nationalsozialisten betreiben massiv Propaganda, gerade auch dort, wo sie noch wenig Fuß gefasst haben. Im Januar 1931 kommt ein Parteiredner aus München nach Ehingen und spricht in der Gaststätte „Blaufeld“. Elf Zuhörer lassen sich begeistern und beschließen, eine Ortsgruppe der NSDAP zu gründen. Ende Januar 1931 versammeln sie sich in der Wirtschaft „Zum Pfauen“ und vollziehen den Gründungsakt. Unter ihnen ist auch der Pfauenwirt Michael Süßmann. Damit seine Gaststätte zum NSDAP-Parteilokal bestimmt wird, muss er sich verpflichten, das Parteiorgan Der Völkische Beobachter zu abonnieren und auszuhängen.1 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5. Erster Ortsgruppenleiter wird der in Stuttgart geborene Erwin Ruoff, der von 1929 bis 1934 als Regierungsbaumeister beim Ehinger Straßen- und Wasseramt beschäftigt ist.

Die Parteigenossen treffen sich jeden Samstagabend im Parteilokal. „Dort wurden belehrende Vorträge gehalten, der eine oder andere las Abschnitte aus ‚Adolf Hitler, Mein Kampf‘ und aus anderen nationalsozialistischen Schriften.“, wie sich der NSDAP-Kreisleiter 1935 erinnert.2 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5. Ihr Bestreben gilt aber nicht nur der eigenen weltanschaulichen Bildung, sondern besonders auch der Werbung neuer Mitglieder. Vier Wochen später ist die Ortsgruppe bereits auf 30 Parteigenossen angewachsen, bis Ende 1931 sind es schon 50.3 David Hauser: Der Aufbau der Ortsgruppe Ehingen seit der Gründung, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 21-22, S. 22. Inzwischen gibt es in Ehingen auch Parteigliederungen wie SS, NS-Frauenschaft und HJ.


Der Kampf gegen die politischen Gegner

Während die NSDAP in den Industriestädten ihre Schlachten hauptsächlich gegen die Arbeiterparteien SPD und KPD austrägt, ist die Lage im ländlichen Oberschwaben eine völlig andere. Im Kreis Ehingen sind fast 90 % der Bevölkerung katholisch.4 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 4. Sie halten traditionell zur katholischen Zentrumspartei, in der die Ehinger Nationalsozialisten denn auch den Hauptgegner sehen. Der NSDAP-Kreisleiter blickt 1935 zurück: „Unser Kampf im Kreis Ehingen war vom ersten Augenblick bis zum heutigen Tag fast durchweg ein Kampf gegen das Zentrum bezw. gegen den politischen Katholizismus.“ Bei dem starken Übergewicht der Zentrumsanhänger habe „gegen diesen Gegner ein zäher und harter Kleinkrieg geführt werden“ müssen.5 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 8.

Die Ehinger Tageszeitung bezieht vor der Landtagswahl 1932 unverblümt Stellung für die Zentrumspartei und gegen die NSDAP6 Volksfreund für Oberschwaben (VfO) vom 23.4.1932.

Dieser „Kleinkrieg“ läuft in Ehingen ohne Blutvergießen ab. Das bedeutet allerdings nicht, dass sich Ehinger Nationalsozialisten nicht anderswo an gewalttätigen Auseinandersetzungen beteiligen. Immer wieder zieht eine Abordnung der Ehinger SS in andere Städte zum sogenannten „Saalschutz“ für Propagandaveranstaltungen der NSDAP. So schildert ein Ehinger SS-Mann einen Abend in Schelklingen, wo „gegen eine ziemliche Ueberzahl von Gegnern […] gründlich und rasch dort mit den rauf- und streitsüchtigen Widersachern der hinteren Saalecke reiner Tisch gemacht wurde“.7 SS der NSDAP Sturm III/79, Zug Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 34-35, S. 34. Und beim Hitlertag 1932 in Reutlingen habe sich „eine Horde Kommunisten“ auf die Ehinger SS-Männer gestürzt. Die Kommunisten „richteten uns übel zu […]. Mancher mußte wegen der Verletzungen tagelang krank zu Hause liegen.“8 SS der NSDAP Sturm III/79, Zug Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 34-35, S. 34. Aus solchen Episoden lässt sich dann auch in der Heimatstadt eine lokale Version der propagandistisch verklärten NS-Märtyrererzählungen aus der „Kampfzeit“ vor 1933 stricken.

Der Aktivismus zahlt sich aus. Im Dezember 1931 wird mit Albert Leimer erstmals ein NSDAP-Vertreter in den Ehinger Gemeinderat gewählt. Vor der Landtagswahl im April 1932 läuft die Kampagne der Nationalsozialisten weiter auf Hochtouren. Obwohl sie die kleinste Partei stellen, gehen die meisten Wahlveranstaltungen im Kreis Ehingen auf ihr Konto, mehr als die von Zentrum und SPD zusammen.9 Von insgesamt 195 Veranstaltungen: NSDAP 76, Zentrum 34, SPD 28 (Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 6). Der Einsatz bringt einem der Ehinger Parteigründer ein Mandat im Württembergischen Landtag ein.

Die SA bekämpft außer dem Rechtsstaat anscheinend auch die Rechtschreibregeln. Abbildung aus einem Artikel über die Ehinger SA in einer NS-Schrift von 1935.10 „Werdegang der SA der NSDAP im Kreis Ehingen“, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 33.

Allerdings bleibt trotz aller Propaganda der Nationalsozialisten die Bindung des katholischen Milieus zum Zentrum bis ins Jahr 1933 hinein recht stabil. Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erzielt die Zentrumspartei in Ehingen mit 57,6 % viermal so viel Stimmen wie die 18,6 % der NSDAP (reichsweit: Zentrum 12,5 %, NSDAP 37,4 %). Nach der Wahl kommentiert die Lokalzeitung erleichtert, wenn auch mit wenig Weitblick: „Im Bezirk Ehingen ist die Gefahr der Nazis also nicht allzu groß.“11 „Nach der Wahl“, in: VfO vom 2.8.1932.

Selbst bei der Reichstagswahl im März 1933, die die Hitler-Regierung mit aller neugewonnenen staatlichen Gewalt zu ihren Gunsten lenkt, kommt die Zentrumspartei in Ehingen noch auf 50 %, während sich die NSDAP mit 31,6 % zufriedengeben muss (reichsweit: Zentrum 11,3 %, NSDAP 43,9 %).

Doch alle Treue der Ehinger Wähler hilft nichts: Keine drei Wochen später stimmt die Zentrumsfraktion im Reichstag Hitlers Ermächtigungsgesetz zu, bevor sich die Partei im Juli 1933 endgültig selbst auflöst. Die nationalsozialistische Diktatur ist besiegelt.


Die Gründer der NSDAP-Ortsgruppe

Wer sind die elf Männer, die im Januar 1931 die Ehinger NSDAP-Ortsgruppe gründen und der nationalsozialistischen Herrschaft den Weg mitbereiten? Trotz mancher Lücken in der Überlieferung lassen sich einige Feststellungen treffen.

Einer der Gründer der Ehinger NSDAP-Ortsgruppe stellt 1935 eine Ehrengalerie der ersten Parteigenossen zusammen.12 Archiv Foto Werner, Ehingen.

Der Prominenteste von ihnen ist zweifellos Studienrat Richard Blankenhorn als NSDAP-Kreisleiter. Er wird 1932 in den württembergischen Landtag gewählt. Blankenhorn prägt die Anfangsjahre der NSDAP im Raum Ehingen wie kein anderer.13 Vgl. den Artikel „NSDAP-Kreisleiter Richard Blankenhorn: ‚Irren ist menschlich‘“ auf diesen Seiten (https://www.ns-ehingen.de/forschung/blankenhorn). Daneben finden sich unter den Gründern ein Regierungsbaumeister, zwei Kaufleute, ein Architekt, ein Holzbildhauer, ein Assistent, ein Metzger, ein Fabrikarbeiter und ein Hausverwalter.

So illuster die Elferrunde ist, gibt es doch einige Tendenzen, die sie vom Ehinger Bevölkerungsquerschnitt unterscheiden:

  • Bei den Berufen dominieren Beamte und Selbstständige neben wenigen Arbeitern. Die Bauern fehlen ganz.
  • Die Parteigründer sind jung. Keiner ist älter als 45 Jahre, vier sind sogar unter 30 Jahre alt. Der Jüngste ist mit 20 noch nicht einmal volljährig.
  • Die evangelische Konfession ist deutlich überrepräsentiert. Während Evangelische hier nur rund 10 % der Bevölkerung ausmachen, stellen sie fast die Hälfte der Parteigründer (nämlich fünf von elf).

Alle drei Ausprägungen bei Beruf, Alter und Konfession sind durchaus typisch für das soziale Profil der frühen NSDAP.14 Vgl. Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 34-38. Der Altersschnitt der NSDAP-Mitglieder liegt vor 1933 bei unter 30 Jahren und steigt bis Kriegsende auf 45 Jahre an (ebda., S. 77). Und auch das ist bezeichnend: Alle elf sind Männer.15 „Die NSDAP war und blieb eine Männerpartei.“ 1935 liegt der Frauenanteil bei 5 % (Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 77). Eine NS-Frauenschaft wird in Ehingen erst im November 1931 ins Leben gerufen. Nicht etwa von den Frauen selbst, sondern es „berief der Bezirksleiter einige Frauen ins Kaffee Donfried und begründete dort die NS-Frauenschaft“.16 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 6.

Wie stark sind diese ersten Ehinger Parteigenossen in der Stadtgesellschaft verwurzelt? Auffällig ist, dass nur vier der elf Männer in Ehingen geboren sind. Die übrigen sind zugezogen, überwiegend erst Ende der 1920er Jahre. Bis 1935 ziehen dann fünf der Parteigründer wieder aus der Stadt fort – und zwar genau alle Evangelischen.

Ist das Zufall? Fühlen sich die Angehörigen der konfessionellen Minderheit in Ehingen ausgegrenzt? Oder finden sie im NS-Staat anderswo bessere Karrierechancen vor? Die Gründe dürften von Fall zu Fall variieren. Einige Fakten können über ihren weiteren Werdegang rekonstruiert werden:

  • Paul Goller, der 1931 die Führung der Ehinger SS übernommen hat, wird 1934 bei der Polizeidirektion Ulm eingesetzt.17 Auskunft Stadtarchiv Ehingen vom 13.01.2021; Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5.
  • Karl Graß, ebenfalls Führer der Ehinger SS, wird 1934 zum SS-Obersturmführer befördert und wirkt ab 1935 in Lötzen in Ostpreußen.18 http://www.dws-xip.pl/reich/biografie/numery/numer6.html (Stand 15.01.2021); Auskunft Stadtarchiv Ehingen vom 13.01.2021. Was er dort tut, ist nicht bekannt.
  • Der erste Ehinger NSDAP-Ortsgruppenleiter Erwin Ruoff wechselt 1934 nach Bad Cannstatt. Von 1939 bis 1944 leitet er das Straßenbauamt Siedlce im besetzten Polen.19 StAS Wü 13 T 2 Nr. 2670/322.
  • Der Hausverwalter Karl Barner wird 1935 nach Rottweil strafversetzt und 1937 aus dem Justizdienst entlassen.20 Vgl. unten die Ausführungen zu seinen Dienstvergehen.
  • Manfred Speh zieht 1934 nach Lübben im Spreewald.21 Auskunft Stadtarchiv Ehingen vom 13.01.2021. Seine Spur findet sich wieder im Zweiten Weltkrieg, an dem er in einer Sanitätseinheit teilnimmt. Zuletzt im Rang eines Stabsgefreiten wird er unter anderem bei der „Bekämpfung der Bandenbewegung“ in Kroatien und Griechenland eingesetzt.22 Wehrpass und Soldbuch von Manfred Speh sind einzusehen auf https://www.historical-media.com/id1030x.htm (Stand 15.01.2021).

Von den sechs Parteigründern, die in Ehingen bleiben, sind im Dritten Reich vier in Parteiämtern aktiv:

  • Der Schulleiter Richard Blankenhorn fungiert bis 1937 als NSDAP-Kreisleiter und tritt bis zum Ende der Diktatur als NSDAP-Propagandaredner auf.
  • Der Architekt Albert Leimer sitzt von Dezember 1931 bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht 1940 im Ehinger Stadtrat und amtiert außerdem von 1932 bis 1939 als Vorsitzender am NSDAP-Kreisgericht.23 StAS Wü 13 T 2 Nr. 1134/030.
  • Der Kaufmann Karl Braun jr. ist stellvertretender Bürgermeister und Kreisamtsleiter der Deutschen Arbeitsfront.24 StAS Wü 13 T 2 Nr. 2632/101.
  • Ein Vierter ist SS-Scharführer. Bei der Entnazifizierung wird er von einem ehemaligen KZ-Häftling beschuldigt, er habe einen Kollegen wegen des Abhörens von Feindsendern denunziert, wird aber von der Spruchkammer entlastet.25 StAS Wü 13 T 2 Nr. 1126/078.

Die anderen beiden Mitgründer bleiben in den überlieferten Akten unauffällig.


Von Oppositionellen zu Nutznießern

Spekulativ bleibt naturgemäß, was die elf Männer im Januar 1931 zur Gründung der NSDAP-Ortsgruppe bewegt. Klar ist, dass sie sich zu dieser Zeit in Ehingen von ihrem Schritt keinerlei persönliche Vorteile erhoffen können. Zu dominant ist das politisch eng mit der Zentrumspartei verwobene katholisch-konservative Milieu. So nimmt einer der Parteigründer 1931 die Wahl zum Führer der Ehinger SS erst nach langem Zögern an, weil er als Beamter Nachteile für sich befürchtet.26 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5. Die Gründung einer NSDAP-Ortsgruppe dürfte also durchaus als Akt der Auflehnung gegen die lokalen Herrschaftsverhältnisse zu verstehen sein, der nicht aus Opportunismus, sondern aus politischer Überzeugung geschieht.

Das ändert sich in Windeseile, als die Nationalsozialisten im Januar 1933 die Macht übernehmen. Jetzt zahlt es sich aus, der unumschränkt herrschenden Partei anzugehören. Die Deutschen strömen in Scharen der NSDAP zu. In den drei Monaten nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler verdreifacht sich die Zahl ihrer Mitglieder von 849.000 auf 2,6 Millionen. Die Parteibüros sind von diesem Ansturm dermaßen überfordert, dass die NSDAP-Führung zum 1. Mai 1933 eine Aufnahmesperre verhängen muss.27 Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 74. Auch in und um Ehingen „stieß nach dem Umschwung eine große Zahl von Volksgenossen zu uns“, wie Kreisleiter Blankenhorn zwei Jahre später mit Genugtuung zurückblickt. Die Zahl der Parteigenossen schnellt hier hoch auf 750.28 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 6. Die Zahl bezieht sich vermutlich auf den Kreis Ehingen.

Die Neuen werden von den „alten Kämpfern“ misstrauisch beäugt und als „Märzgefallene“ verspottet. Unter ihnen befinden sich viele Opportunisten und Karrieristen, gilt das Parteibuch doch als unverzichtbar, wenn man öffentliche Ämter und Aufträge erhalten will oder eine Karriere im öffentlichen Dienst anstrebt.29 Vgl. zu den „Märzgefallenen“ Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 73-77. Dagegen wird die frühe Parteimitgliedschaft aus der „Kampfzeit“ vor 1933 zu einem kostbaren sozialen Kapital, das sich auf vielerlei Arten in handfeste Vorteile ummünzen lässt.

Dazu drei Beispiele aus der Runde der Ehinger Parteigründer: NSDAP-Kreisleiter Blankenhorn wird im Januar 1934 zum Leiter des hiesigen Gymnasiums ernannt. Eigentlich war mit Professor Schmid ein anderer dafür vorgesehen. Doch der ist als NS-Gegner aus dem Rennen, weil auf solche Posten nur „lauter waschechte Hitlerianer“ gesetzt werden, wie Schmid später beklagen wird.30 Schreiben Prof. Schmid an die Schulbehörde vom 4.3.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Auch ein anderer Mitbegründer, ein SS-Scharführer, soll Profit aus seiner Parteimitgliedschaft geschlagen haben. Ein ehemaliger KZ-Häftling wirft ihm vor: Obwohl der „grose Aktifist“ von Beruf Metzger war, kam er „als Beamter zum Postamt Ehingen, erhielt im Postamt eine Dienstwohnung und konnte sich bis zum letzten Kriegsjahr in der sogenanten Heimatfront herumm-drücken“.31 Kreisbetreuungsstelle für Politisch Verfolgte Ehingen an die Spruchkammer des Internierungslagers Kornwestheim, 9.7.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1126/078].

Und schließlich ist da noch der Hausverwalter beim Ehinger Amtsgericht, offenbar ein notorischer Kleinkrimineller. 1935 wird er der „Unterschlagung amtlicher Gelder und Hinterziehung von Briefen“ überführt.32 Justizministerium Württemberg-Hohenzollern an die Staatskanzlei zum Gesuch des Hausverwalters um Wiedereinstellung im Justizdienst, 12.9.1947 [StAS Wü 2 T 1 Nr. 1805]. Bei der Ahndung dieser Dienstvergehen kommt ihm sein früher Parteieintritt zugute. Er beruft sich auf seinen Einsatz für die NSDAP und kommt damit vorerst durch. Die Angelegenheit wird unter den Teppich gekehrt. Anstelle eines Dienststrafverfahrens wird der verdiente Parteigenosse einfach nach Rottweil versetzt. Auf lange Sicht bewahrt ihn sein Parteibuch allerdings nicht vor Konsequenzen. An seinem neuen Einsatzort veruntreut er wieder Gerichtsgebühren. Außerdem habe er „trotz seiner misslichen wirtschaftlichen Lage häufig Wirtschaften besucht und dabei viel Alkohol zu sich genommen, sodass er wiederholt zur Nachtzeit in betrunkenem Zustand nach Hause gekommen ist“.33 Stellungnahme der Staatskanzlei zum Gesuch des Hausverwalters um Wiedereinstellung im Justizdienst, 12.9.1947 [StAS Wü 2 T 1 Nr. 1805]. Die Summe seiner Verfehlungen ist dann selbst für einen „alten Kämpfer“ zu viel. Er wird 1937 aus dem Justizdienst entlassen.


Schlüsse

Die Gruppe der elf Männer, die im Januar 1931 die erste Ehinger NSDAP-Ortsgruppe begründeten, war alles andere als homogen. Unter dem Banner der NSDAP fanden Leute zusammen, die im normalen gesellschaftlichen Leben der Stadt vermutlich wenig miteinander zu tun gehabt hätten. Viele von ihnen waren Zugezogene und verließen die Stadt in den kommenden Jahren wieder. Die NSDAP in Ehingen war in ihrer Anfangszeit keine Sache der Alteingesessenen.

Das änderte sich mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933. Plötzlich kontrollierte die NSDAP überall den Zugang zu Macht und Pfründen. War der Parteieintritt zuvor noch ein oppositioneller Akt gegen das bestehende System, versprach er unter dem totalitären Regime der NSDAP allerlei persönliche Vorteile in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Dass auch viele Ehinger diesem Versprechen gefolgt sind, zeigt der enorme Zuwachs an Neumitgliedern im Frühjahr 1933 – ob aus Überzeugung, Opportunismus, Geschäftemacherei oder Karrierestreben. Doch das ist ein anderes Kapitel in der Geschichte der NSDAP in Ehingen.


Besonderer Dank gilt Stadtarchivar Dr. Ludwig Ohngemach für die Auskünfte zu den Meldedaten der Parteigründer und Veit Feger für den großzügigen Zugang zu seinem Zeitungsarchiv.

Fußnoten

Fußnoten
1 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5.
2 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5.
3 David Hauser: Der Aufbau der Ortsgruppe Ehingen seit der Gründung, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 21-22, S. 22.
4 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 4.
5 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 8.
6 Volksfreund für Oberschwaben (VfO) vom 23.4.1932.
7 SS der NSDAP Sturm III/79, Zug Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 34-35, S. 34.
8 SS der NSDAP Sturm III/79, Zug Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 34-35, S. 34.
9 Von insgesamt 195 Veranstaltungen: NSDAP 76, Zentrum 34, SPD 28 (Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 6).
10 „Werdegang der SA der NSDAP im Kreis Ehingen“, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 33.
11 „Nach der Wahl“, in: VfO vom 2.8.1932.
12 Archiv Foto Werner, Ehingen.
13 Vgl. den Artikel „NSDAP-Kreisleiter Richard Blankenhorn: ‚Irren ist menschlich‘“ auf diesen Seiten (https://www.ns-ehingen.de/forschung/blankenhorn).
14 Vgl. Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 34-38. Der Altersschnitt der NSDAP-Mitglieder liegt vor 1933 bei unter 30 Jahren und steigt bis Kriegsende auf 45 Jahre an (ebda., S. 77).
15 „Die NSDAP war und blieb eine Männerpartei.“ 1935 liegt der Frauenanteil bei 5 % (Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 77).
16 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 6.
17 Auskunft Stadtarchiv Ehingen vom 13.01.2021; Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5.
18 http://www.dws-xip.pl/reich/biografie/numery/numer6.html (Stand 15.01.2021); Auskunft Stadtarchiv Ehingen vom 13.01.2021.
19 StAS Wü 13 T 2 Nr. 2670/322.
20 Vgl. unten die Ausführungen zu seinen Dienstvergehen.
21 Auskunft Stadtarchiv Ehingen vom 13.01.2021.
22 Wehrpass und Soldbuch von Manfred Speh sind einzusehen auf https://www.historical-media.com/id1030x.htm (Stand 15.01.2021).
23 StAS Wü 13 T 2 Nr. 1134/030.
24 StAS Wü 13 T 2 Nr. 2632/101.
25 StAS Wü 13 T 2 Nr. 1126/078.
26 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 5.
27 Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 74.
28 Richard Blankenhorn: Das Werden, Wachsen und Siegen der Idee des Führers im Kreis Ehingen, in: Festschrift zur Kreistagung der NSDAP Ehingen-Donau am 17. November 1935, S. 4-8, S. 6. Die Zahl bezieht sich vermutlich auf den Kreis Ehingen.
29 Vgl. zu den „Märzgefallenen“ Hans-Ulrich Thamer: Die NSDAP. Von der Gründung bis zum Ende des Dritten Reiches, München 2020, S. 73-77.
30 Schreiben Prof. Schmid an die Schulbehörde vom 4.3.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
31 Kreisbetreuungsstelle für Politisch Verfolgte Ehingen an die Spruchkammer des Internierungslagers Kornwestheim, 9.7.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1126/078].
32 Justizministerium Württemberg-Hohenzollern an die Staatskanzlei zum Gesuch des Hausverwalters um Wiedereinstellung im Justizdienst, 12.9.1947 [StAS Wü 2 T 1 Nr. 1805].
33 Stellungnahme der Staatskanzlei zum Gesuch des Hausverwalters um Wiedereinstellung im Justizdienst, 12.9.1947 [StAS Wü 2 T 1 Nr. 1805].