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Christian Rak (April 2020)

Distanz zum NS-Regime: Schimpfen, Subversion, Verfolgung

Das Kriegsende 1945 bedeutete für die Deutschen Niederlage und Befreiung zugleich. Den Sturz der NS-Diktatur sehnten insbesondere all jene herbei, die die Gewaltherrschaft am eigenen Leib zu spüren bekommen hatten.

Die meisten Menschen, die im Dritten Reich Distanz zum Nationalsozialismus hielten, haben in den Archiven allerdings keine Spuren hinterlassen. Sie werden nur dann sichtbar, wenn sie zum Beispiel aufgrund ihres eigensinnigen Verhaltens, ihrer politischen oder religiösen Überzeugungen oder ihrer jüdischen Herkunft ins Fadenkreuz des Regimes gerieten und Sanktionen erlitten.

Einige dieser Fälle sind in den Wiedergutmachungsakten im Staatsarchiv Sigmaringen überliefert. Anders als die Entnazifizierungsakten, die mit ihrer Flut an entlastenden Persilscheinen und beschönigenden Selbstdarstellungen oft mehr über den Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945 als über die Vorkommnisse im Dritten Reich aussagen, gelten die Angaben in den Wiedergutmachungsakten als zuverlässig.1 Vgl. Franz-Josef Ziwes: Entschädigungsakten/Wiedergutmachungsakten, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde [https://www.leo-bw.de/themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archivaliengattungen/akten/inhaltliche-unterscheidung/entschadigungs-und-wiedergutmachungsakten (Stand 31.3.2020)]. Denn wer als NS-Opfer Entschädigungen erwartete, sah sich einer viel akribischeren Prüfung ausgesetzt als die ehemaligen Nationalsozialisten, die bei der politischen Säuberung immer nachsichtiger beurteilt wurden. Selbst wenn es nur um geringe Geldbeträge ging, liefen die Wiedergutmachungsverfahren oft über lange Jahre, in denen die Aktenstapel höher und höher wuchsen, ohne dass für die Betroffenen ein baldiges Ende in Sicht war. Nicht wenige NS-Opfer empfanden dies als erneute Demütigung.2 Zur Wiedergutmachungspolitik allgemein die umfassende Studie von Constantin Goschler: Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005.

So wie der Ehinger Sozialdemokrat Josef Münch. Er beantragt 1949 Entschädigung für drei Monate Haft, die er im Dritten Reich wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz verbüßen musste. Vier Jahre später wartet er immer noch auf den Bescheid. Er macht seinem Ärger Luft und teilt dem Landesamt für Wiedergutmachung mit einem ironischen Seitenhieb mit, „dass ich nun endlich genug habe mit dem Nachweis meiner polit. Haft […]. Vieleicht muß ich noch angeben, ob ich auch uneheliche Kinder habe und ob ich Allimente bezahlen muß.“3 Antrag auf Wiedergutmachung vom 30.4.1949; Schreiben an das Amt für Wiedergutmachung vom 27.4.1953 [Staatsarchiv Sigmaringen (StAS) Wü 33 T 1 Nr. 879].

Als der Sozialdemokrat Josef Münch vier Jahre nach seinem Wiedergutmachungsantrag immer noch weitere Belege einreichen soll, platzt ihm der Kragen.4 StAS Wü 33 T 1 Nr. 879

Die Wiedergutmachungsakten geben aufschlussreiche Einblicke, wo Ehinger Bürgerinnen und Bürger vom NS-Regime verfolgt und verurteilt wurden. Manche schimpften einfach nur auf die Parteiprominenz, andere untergruben mit subversiven Aktionen die Autorität der Nationalsozialisten, und einige kamen als politische Gegner in Konzentrationslager oder wurden wegen ihrer jüdischen Herkunft diskriminiert. Hinter jedem einzelnen Fall steht eine Lebensgeschichte, die weiter erforscht und gewürdigt werden könnte. Die im Folgenden vorgestellten Quellen geben einen exemplarischen Überblick darüber, was in Ehingen zwischen 1933 und 1945 an Distanz zur NS-Herrschaft überliefert ist.


Schimpfen und Subversion

Anton R.

Der Handelslehrer Anton R. zieht im März 1934 in der Gaststätte „Zum Hirsch“ in Kirchen gegen die Führung der Nationalsozialisten vom Leder. Er bezeichnet SA-Führer Röhm als „Arschficker“, der „einen ganzen Harem von jüngeren Leuten“ habe und die Jugend verderbe, und Hitler sei „ein heraufgekommener Schnapser“.5 Schreiben Anton R. an das LRA Biberach, 18.5.1946; Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 14.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 883].

Das Stuttgarter Sondergericht verurteilt R. wegen politischer Verleumdung zu eineinhalb Jahren Gefängnis. Er hat allerdings Glück, dass kurz darauf beim „Röhm-Putsch“ die NS-Führung selbst die Homosexualität des SA-Stabschefs öffentlich macht und ihn erschießen lässt. Nun erscheinen R.s Schimpftiraden offenbar in einem anderen Licht. Der Handelslehrer kommt frei.6 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 14.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 883].

Das Landesamt für Wiedergutmachung lehnt R.s Entschädigungsantrag ab. Seine Kraftausdrücke hätten „mit einer politischen Überzeugung überhaupt nichts zu tun […]. Sie sprechen in ihrer Art lediglich dafür, dass sie in einer derben Wirtshausatmosphäre getan wurden.“ Bei der Zurückweisung des Antrags werden „insbesondere auch Bildungsgrad und soziale Stellung des Antragstellers berücksichtigt“.7 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 14.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 883]. Das Amt verzeiht dem Lehrer die Gossensprache nicht.


Anna B.

Die Schneiderin Anna B. wird eine Woche nach Beginn des Zweiten Weltkriegs morgens zur Polizei vorgeladen. Dort erfährt sie, dass sie angezeigt worden ist, weil sie „über Hitler geschimpft“ habe: „Habe öffentlich daran gezweifelt, dass Hitler in der vord. Front sei und [gesagt], dass [NSDAP-]Kreisleiter Zirn jeden Tag seinen Rausch habe auch als Soldat.“8 Fragebogen vom 29.7.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864]. Sie wird vom Stuttgarter Sondergericht „wegen Schädigung des Ansehens der Reichsregierung und des Wohls des Reichs“ nach dem „Heimtückegesetz“ verurteilt und verbüßt 10 Monate in Einzelhaft.

In Anna B.s Strafregister ist 1950 noch die Verurteilung nach dem Heimtückegesetz aus dem Jahr 1939 vermerkt.9 StAS Wü 33 T 1 Nr. 864

Während der Haft muss ihre Schwester 900 RM an das Sondergericht überweisen, dazu kommen Haftkosten in Höhe von 477 RM. Nach ihrer Entlassung verlangt die Ehinger Kreisleitung weitere 600 RM von ihr. „Auch diesen Betrag habe ich damals beglichen, wofür, weiss ich heute noch nicht.“10 Anna B. an das Landesamt für Wiedergutmachung, 6.4.1951 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].

Nach ihrer Heimkehr versucht die Kreisleitung wiederholt, Anna B. erneut ins Gefängnis zu bringen. Als Grund vermutet die Frau, dass ihr Haus zugunsten der Kreisleitung enteignet werden sollte. Sie sei „fortgesetzt durch die Trabanten der Kreisleitung schikaniert“ worden, etwa indem bei ihr das letzte Zimmer für die Unterbringung von Evakuierten weggenommen worden sei, „während ein Nebenhaus, das einer Nazifrau gehörte, 8 Zimmer hat und nur von 3 Personen bewohnt wurde[,] unbehelligt blieb“.

Ihre Bitte um Wiedergutmachung schließt sie mit der Versicherung: „Ich will mich an keinem meiner früheren Widersacher rächen“.11 Anna B. an das Landesamt für Wiedergutmachung, 6.4.1951 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].

Ihr Antrag wird 1953 positiv beschieden.12 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 7.4.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].


Pauline F.

Pauline F. erzählt 1942 ihrer Nachbarin, „dem Kreisleiter in Ehingen sei durch die Post ein Strick zugesandt worden, die Mitglieder der Kreisleitung haben im Umsiedlungslager Untermarchtal einen Nacktball veranstaltet und im ‚Kreuz‘ in Ehingen eine gestohlene Sau gegessen“. Sie wird denunziert und vom Amtsgericht Ehingen wegen übler Nachrede zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, wovon sie einen Monat verbüßt.

Ihr Wiedergutmachungsantrag wird abgewiesen, weil der Tatbestand der üblen Nachrede „auch die Voraussetzungen einer nach rechtsstaatlichen Grundsätzen strafbaren Handlung erfüllt“.13 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 29.5.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 905].


Lina S.

Nach den verheerenden Luftangriffen britischer Bomber auf deutsche Großstädte prophezeit die Gastwirtin Lina S. 1943 in ihrem Lokal den Gästen: „[I]n 14 Tagen ist der Krieg aus und die Regierung gestürzt. Dafür sorgen wir und hauptsächlich die Bombenbeschädigten im Rheinland. Diese lassen sich die Sache nicht mehr länger gefallen. Die Kinder in Köln singen ein Lied, das heisst: Lieber Tommy, fliege weiter, wir haben ja nicht ‚Ja‘ gerufen! Nun sollen die, die sr.Zt. so laut ‚Ja‘ gerufen haben, den Krieg weiterführen.“

Ein Soldat denunziert sie. Das Stuttgarter Sondergericht verurteilt sie wegen heimtückischer Äußerungen zu 8 Monaten Gefängnis.

Das Landesamt gewährt Lina S. eine Entschädigung.14 Sämtliche Zitate zum Fall Lina S.: Teilbescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 19.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 884].


Josef Eisele

Ein besonderer Fall von politischer Subversion ist der seit 1930 in Ehingen als Schulrat tätige Josef Eisele.15 Zu Josef Eisele gibt es keine Wiedergutmachungsakte. Die folgende Darstellung beruht auf seiner Entnazifizierungsakte, die neben den üblichen Persilscheinen außergewöhnlich viele Abschriften von Unterlagen aus dem Dritten Reich enthält und daher zuverlässige Aussagen erlaubt [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]. Er tritt 1933 in die NSDAP ein und unterstützt deren Politik in der Anfangsphase des Dritten Reichs willig. So feiert er zum ersten Jahrestag der Machtübernahme in einer öffentlichen Ansprache noch die Erfolge der Hitler-Regierung: „Wie ein Traum gleitet die Erinnerung zurück und fast unfaßbar ist die Größe des Geschehens.  Es bleibt der Gesamteindruck eines Gewaltigen, Erhebenden.“16 „Jahrestag der Machtübernahme durch den Führer“, in: VERBO vom 1.2.1934. Eisele führt unter anderem die „Gleichschaltung der Länder“, die „Säuberungsaktion des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens“ und die „Reinigung von volksfremden Elementen“ an.

Einer Lehrerin macht der Schulrat im Juli 1933 Vorwürfe, weil sie Hitler kritisiert hat. Als man „am Kosttisch“ versucht habe, sie „mit nationalsozialistischen Gedankengängen vertraut zu machen“, sei sie „hartnäckig auf Ihrem Zentrumsstandpunkt“ geblieben. Dafür muss sie sich rechtfertigen.17 Nach der Radioübertragung einer Hitlerrede habe die Lehrerin gesagt: „Geschrien hat er, geschrieen. Und gehetzt, gehetzt. Das war die reinste Hetzrede. Sie hatte gar keinen Inhalt. (Mit beiden Fäusten die […] Schläfen trommelnd:) Ich kann nicht verstehen, wie dem (Adolf Hitler) Millionen Deutsche nachlaufen können; dass man so dumm sein kann. Das ist ja grausig.“ (Schulrat Eisele und der Landrat an Frl. Lehrerin E[.], Abschrift, 29.7.1933 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1131/023]).

Doch im Laufe der Zeit distanziert sich Eisele immer mehr vom Nationalsozialismus. Dies zeigt sich in durchaus originellen subversiven Aktionen. 1938 findet aus Anlass der „Heimführung Österreichs“ eine Großkundgebung auf dem Ehinger Marktplatz statt, mit anschließendem Propagandamarsch durch die Stadt. Eisele ist als Funkwart für das Aufstellen von Lautsprechern und die Bedienung der Mikrofone verantwortlich. Am Ende soll der örtliche „Hoheitsträger“ (wohl der Kreisleiter) die Schlussworte sprechen. Doch Eisele ist inzwischen mit Mikrofon und Lautsprecher verschwunden, „sodaß die Schlußrede nicht ‚durchdringen‘ konnte“. Er wird wegen des Verdachts, Sabotage zu treiben, als Funkwart abgesetzt.18 Eisele an den Staatskommissar, 31.8.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].

Propaganda vor dem Ehinger Rathaus zur Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs 1938. Vor der Schlussrede ist Funkwart Eisele mit Mikrofon und Lautsprecher verschwunden.19 Gouvernement Militaire de la Zone Francaise d’Occupation: Le Kreis d’Ehingen/Danube en Wurtemberg. Monographie, Buchau 1947 (Buchdruckereien Sandmaier Bad Buchau, Exemplar im Kreisarchiv ADK).

Eisele nennt weitere Vorkommnisse, die er auch mit Akten aus der NS-Zeit belegen kann. Deshalb ist es glaubhaft, dass er als Schulrat die Autorität der Nationalsozialisten an vielen Stellen untergräbt. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. Seit 1939 läuft deshalb ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn. Bei der Verhandlung vor dem NSDAP-Kreisgericht gibt sich Eisele überzeugt, dass es „offenbar am Vertrauen der Bevölkerung“ zu den örtlichen Parteiführern fehlt. Er weiß auch, woran das liegt. Der Auszug seiner Stellungnahme vermerkt: „Es folgt nun auf 3 Seiten Anführung einer Reihe von Ausschreitungen führender Nationalsozialisten des Kreises, die dadurch größtes Ärgernis erregten […].“ Was Eisele dort konkret anprangert, bleibt unklar, weil diese Passagen in der Abschrift nicht überliefert sind. Eindeutig ist jedenfalls, dass der Lehrer die politische Schulungsarbeit der Hitlerjugend strikt ablehnt. Er gibt zu Protokoll, „daß ich […] mich leider oft genötigt sehe, den Unsinn, den meine Kinder oft von den Heimabenden mitbringen, klar zu stellen, und Erziehung von Verziehung zu scheiden“.20 Eisele an das Kreisgericht der NSDAP, Abschrift, 9.10.1941 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].

Bei solch offener Kritik ist es kein Wunder, dass sich der höchste Repräsentant der NSDAP in Ehingen, Kreisleiter Zirn, über Eisele bei der Stuttgarter Schulaufsicht beschwert: „Ich muß mich ganz entschieden dagegen verwahren, daß immer wieder ein Teil der Schulbehörden des hiesigen Bezirks die Arbeit der Bewegung sabotiert.“21 „Beschwerde gegen den Leiter der deutschen Volksschule in Uigendorf (W. King) und den Leiter des Bezirksschulamts Ehingen, Schulrat Eisele“ von Kreisleiter Zirn an die Ministerialabteilung für die Volksschulen in Stuttgart, Abschrift, 7.2.1942 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].

An einer dieser Geschichten wird deutlich, dass Eisele durchaus geschickt vorgeht, etwa indem er seine eigenen kritischen Gedanken einem fiktiven Schüler in den Mund legt. Bei einer Tagung der „Arbeitsgemeinschaft für den weltanschaulichen Unterricht“ hält ein Parteigenosse einen „Vortrag über die Judenfrage“. Im Anschluss meldet sich Eisele folgendermaßen zu Wort: „Ich habe mich während des Vortrags in die Rolle eines Schülers versetzt und überlegt, was dieser für Fragen stellen könnte […]: Völker, die auf fremden Boden verpflanzt werden, sind stets untergegangen (Germanen). Die Juden, die keinen eigenen Volksboden besitzen, haben sich seit 2-tausend Jahren erhalten. Könnte da nicht einer die Frage aufwerfen, ob die Juden nicht besonders tüchtig seien?“22 NSDAP-Kreisleitung Ehingen an das Amt für Erzieher, Abschrift, 25.1.1942 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].

Die NS-Oberen verstehen bei solchen Gedankenspielen keinen Spaß. Eisele sieht sich mehreren Verfahren vor dem Kreis- und Gaugericht der NSDAP ausgesetzt. Die Gauleitung setzt den Schulrat als „politisch unzuverlässig“ ab und ordnet ihn ab nach Ulm. 1943 erklärt Eisele den Austritt aus der NSDAP, was zu dieser Zeit einigen Mut braucht. Im Herbst 1944 muss er fünf Wochen zu Schanzarbeiten an die Front.23 Erklärungen zum Fragebogen, 18.1.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]. Seinen Austritt begründet Eisele mit dem schon länger laufenden Parteigerichtsverfahren gegen ihn, dessen Abschluss er endlich herbeiführen will. „Das Verfahren ist lediglich ein weiteres Glied in der Kette der Schikanen von seiten der Partei. Ich empfinde es als einen Gewissenszwang. Dagegen verwahre ich mich und erkläre deshalb meinen Austritt aus der NSDAP.“ (Eisele an die NSDAP-Kreisleitung, Abschrift, 29.3.1943 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]). „Heute“, so Eisele nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur, „ist das schnell gesagt; die Sorgen und Aufregungen, welche diese Konflikte brachten, lassen sich aber nicht so leicht schildern.“24 Eisele an den Staatskommissar, 31.8.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].

Der Ehinger Untersuchungsausschuss stellt 1946 zwar fest, „dass Eisele in den Anfangsjahren nach der Machtergreifung der Partei Dienste geleistet“, dann aber „mit den führenden Persönlichkeiten der örtlichen Partei mehr wie einen harten Kampf ausgefochten“ habe.25 Beurteilung KRUA Ehingen vom 4.2.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]. 1948 wird er von der Spruchkammer gänzlich entlastet.26 Spruchkammerurteil vom 2.11.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].


Josef Münch

Der Ehinger SPD-Vorsitzende Josef Münch entgeht nach eigenen Angaben 1933 nur dadurch der Verhaftungswelle gegen politische Gegner aus den Arbeiterparteien, weil „ein altes SPD-Mitglied, das […] zur NSDAP und in die SS übertrat, sich aus alter Anhänglichkeit für mich verwendet hat“.27 Eidesstattliche Erklärung Josef Münch vom 15.9.1952 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879]. Der erwähnte Mann kann nicht als Zeuge benannt werden, weil er da „schon lange gestorben“ ist. Wenn Münchs Darstellung stimmt, dann hatten 1933 lokale Parteileute Einfluss darauf, wer ins KZ Heuberg gebracht wurde und wer nicht.

Nach der Besetzung des Sudetenlandes 1938 macht Münch gegenüber einem Arbeitskollegen in der Ulmer Firma Magirus seinem Ärger über die Politik der NS-Führung Luft. Er meint hellsichtig, „an den Unruhen in der Tschechei seien nicht die Tschechen schuld, diese seien ein friedliebendes Volk, wir Deutsche seien selbst schuld, wir müssten eben einen Grund haben zum Kriegsanfang“.28 Anklageschrift des Oberstaatsanwalts beim Sondergericht Stuttgart, Abschrift, 17.11.1938 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].

Münch wird denunziert, vom Stuttgarter Sondergericht wegen Vergehens gegen das Heimtückegesetz verurteilt und drei Monate inhaftiert.29 Teilbescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 30.6.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].

1949 stellt er einen Antrag auf Wiedergutmachung. Als das Amt nach vier Jahren immer noch weitere Belege verlangt, aber keinen Bescheid erlässt, platzt ihm der Kragen. Er vermutet hinter dem Verschleppen seines Antrags einen größeren politischen Plan: „Es ist mir ganz klar dass man heute solche Umstände macht um uns aufrichtige Sozialisten schließlich abzuschmalzen.“30 Josef Münch an das Amt für Wiedergutmachung, 1.3.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].

1957 wird Münch als Wiedergutmachung eine lebenslange Zusatzrente von monatlich 99 DM gewährt, die mit der regulären Rente verrechnet wird und so bis 1960 schon auf 22 DM zusammenschmilzt.31 Bescheide Landesamt für Wiedergutmachung vom 9.12.1957 und vom 4.5.1960 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].


Politisch Verfolgte

Bei der Verurteilung durch das Sondergericht 1938 schadet es Josef Münch sicherlich, dass er als Sozialdemokrat bei den NS-Oberen schon länger unter Beobachtung steht. Andere politische Gegner, vor allem Kommunisten, bekommen schon von Beginn an die Gewalt der neuen Machthaber zu spüren.


Gottlieb Fink

Der KPD-Kreisvorsitzende Gottlieb Fink wird nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 vier Monate lang im Konzentrationslager Heuberg in sogenannte „Schutzhaft“ genommen.

Die SS beschlagnahmt seine umfangreiche marxistische Bibliothek. Fink listet für das Wiedergutmachungsverfahren auf, was damals alles in seinem Regal stand. Die letzten Posten zeigen, dass sich auch der Ehinger Kommunist dem klassischen deutschen Bildungskanon nicht ganz verschloss: „Ich war im Besitz von 21 Werken Karl Marx, 12 Engels, 9 Mering, 6 Norden, 6 Bebel, 11 Lenin, 8 Stalin, 5 Liebknecht, 6 Pieck, 5 Nietzsche, 7 Göthe, 4 Schiller“.32 Gottlieb Fink an das Amt für Wiedergutmachung, 23.3.1952 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896].

1941 verbreitet Fink auf der Arbeit bei der Schwäbischen Zellstoff AG Nachrichten, die er in einem Feindsender abgehört hat. Ein Kollege denunziert ihn, der Zellstoff-Direktor lässt ihn verhaften und Fink wird zwei Monate im Ehinger Amtsgerichtsgefängnis eingesperrt.33 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 9.1.1953 und eidesstattliche Versicherungen des damaligen Gefängnisaufsehers Pius Sproll vom 8.6.1954 und der Ehefrau Finks vom 5.6.1954 (StAS Wü 33 T 1 Nr. 896).

1951 stellt er einen Antrag auf Wiedergutmachung. Als Kommunist sieht er sich einer besonders strengen Prüfung ausgesetzt. Das Amt für Wiedergutmachung fragt beim Ehinger Bürgermeister an, „ob F. auch heute wieder Mitglied der KPD bzw. Funktionär dieser Partei ist, weil in diesem Fall die Voraussetzungen für eine achtbare politische Haltung […] nicht gegeben sind, da die KPD als staatsfeindliche Organisation unter jedem Regierungssystem zu betrachten ist“.34 Amt für Wiedergutmachung an BMA Ehingen, 3.12.1951 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]. Indem die Wiedergutmachungsbehörden den Nachweis einer politisch ernsthaften und sittlich gefestigten politischen Überzeugung verlangen, erschweren sie nicht nur Kommunisten, sondern auch anderen Opfergruppen den Zugang zu Entschädigungen. Zum Beispiel werden wegen „Rasseschande“ zu jahrelangem Zuchthaus verurteilte Frauen von einer Entschädigung ausgeschlossen „mit der Begründung, sie hätten den Geschlechtsverkehr nicht aus sittlich gefestigter Auffassung gepflogen“ (so 1953 ein Mitglied des Bundestags-Ausschusses für Rechtswesen und Verfassungsrecht, zit. nach: Goschler, Schuld, S. 196). Fünf Jahre später, Finks Verfahren läuft immer noch, nimmt der Bundestag per Gesetz alle Personen von der Entschädigung aus, die die freiheitliche demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland bekämpft haben. Auch damit sollen vor allem Kommunisten von Wiedergutmachungszahlungen ausgeschlossen werden. Das Bürgermeisteramt Ehingen wird um eine Beurteilung gebeten und zeigt sich versöhnlich: „Bei Herrn Fink handelt es sich zwar um einen seiner Gesinnung nach überzeugten Kommunisten; sein Verhalten dürfte allerdings unserer Ansicht nach nicht als Bekämpfung der freiheitlichen demokratischen Grundordnung zu werten sein.“35 BMA Ehingen an das Landesamt für Wiedergutmachung, 10.9.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]. Fink selbst führt seine Tätigkeit als Stadtrat als Beweis für seine positive Einstellung zur Demokratie an. „Sämtliche Mitglieder des Stadtrats, auch der damalige Bürgermeister Kauter (CDU) haben mit immer wieder bestätigt, daß meine Haltung in jeder Hinsicht positiv war. Ich möchte fast sagen, es ist in Ehingen stadtbekannt, daß ich überzeugter Kommunist bin, aber dennoch und, nach meiner Ansicht gerade deshalb, immer in erster Linie für den Menschen und dessen Grundrechte eingetreten bin.“ (Erklärung Finks vom 29.9.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]).

Das Bürgermeisteramt gibt eine Stellungnahme zu Finks politischer Ausrichtung ab.36 StAS Wü 33 T 1 Nr. 896

Das Landesamt erkennt Finks KZ-Haft auf dem Heuberg und die Beschlagnahme der Bibliothek als entschädigungsfähig an. Die Inhaftierung im Jahr 1941 sei „nicht verfolgungsbedingt“ gewesen und wird deshalb nicht berücksichtigt.37 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 15.12.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]. 1966 ergeht der Schlussbescheid. Gottlieb Fink erhält für die erlittene Haft 600 DM und für den Verlust seiner Bibliothek 163 DM Entschädigung.38 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 16.5.1966 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896].


Karl Locher

Der zweite Vorsitzende der Ehinger KPD Karl Locher wird zeitgleich mit Fink im KZ Heuberg in „Schutzhaft“ genommen.

1948 erhält Locher eine Beihilfe von 400 DM. Das Wiedergutmachungsverfahren zieht sich über zwanzig Jahre hin. Der Schlussbescheid über 20 DM ergeht erst 1968, als Locher bereits verstorben ist.39 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 27.5.1968 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 875].

„Heubergschutzhäftlinge“: Die Nationalsozialisten verhaften nach der Machtübernahme 1933 politische Gegner und informieren die Bevölkerung ganz offen über den „Abtransport auf den Heuberg“40 StAS Wü 33 T 1 Nr. 880. Im Zeitungsartikel heißt es: „Am Montagfrüh ging ein Transport Schutzhäftlinge nach dem Heuberg ab, unter denen sich auch drei Ehinger und ein Allmendinger Kommunist befanden.“ (Volksfreund für Oberschwaben, 25.4.1933)


Ludwig Reichert

Auch der Kommunist Ludwig Reichert wird 1933 ins KZ Heuberg eingeliefert. Als ihm seine Lebensversicherung 70 Reichsmark irrtümlich ins KZ statt an seine Ehinger Adresse überweist und die Lagerverwaltung das Geld kurzerhand beschlagnahmt, setzt sich der Ehinger NSDAP-Kreisleiter Blankenhorn für ihn ein.41 Kreisleiter Blankenhorn an das Oberamt Ehingen, 6.11.1934 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882]. Doch die Landespolizei Ulm lehnt eine Rückerstattung ab, denn „nach den bestehenden Schutzhaftbedingungen wird das von den Häftlingen eingebrachte und ihnen zugesandte Geld zur Deckung der Schutzhaftkosten verwendet“.42 Landespolizei Ulm an das Oberamt Ehingen, 13.11.1934 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].

Der 1946 ausgestellte „Sonderausweis KZ“ von Ludwig Reichert43 Privatarchiv Renate Hartmann, Ehingen-Kirchen

1937 wird Reichert wegen verbotener Plakatwerbung zehn Tage in Ehingen inhaftiert. Dieselbe Strafe verbüßt er 1943 nach der Verhaftung durch die Gestapo wegen politischer Unzuverlässigkeit.44 Erklärung von Ludwig R. vom 12.5.1949 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].

Ludwig Reichert stirbt 1949 in Ehingen.45 Bescheinigung BMA Ehingen vom 28.12.1950 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].


Rudolf Baumbast

Wie die drei Vorgenannten kommt auch der Kommunist Rudolf Baumbast ins KZ Heuberg. An seinem Fall wird besonders deutlich, wie zynisch der Begriff „Schutzhaft“ ist für das, was die Häftlinge schon in diesem ersten Konzentrationslager erleiden. In einem „System des Quälens, der Einschüchterung, der Demütigung, der körperlichen und seelischen Mißhandlung“ sind sie der sadistischen Willkür der SA-Männer schutzlos ausgeliefert.46 Markus Kienle: Das Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am Kalten Markt, Münster 1998, S. 79-89, Zitat S. 79f.

Einige Häftlinge überleben die Folter nicht.47 Ebda., S. 79-96 So auch der Ehinger Rudolf Baumbast. Im Familiengedächtnis ist sein Schicksal so überliefert: Ihm wurde der Penis abgeschnürt, was zu einer Nierenstauung geführt hat, an der er gestorben ist.48 Dies berichtet sein Großneffe Wolfgang Baumbast (Schreiben an den Verfasser vom 9.3.2020).

„Die Straße frei / Den braunen Bataillonen“ – Die Nationalsozialisten demonstrieren bei öffentlichen Aufmärschen wie hier in der Adolf Hitlerstraße (Obere Hauptstraße) ihre Macht und senden damit eine unmissverständliche Drohung an alle Regimegegner49 Gouvernement Militaire de la Zone Francaise d’Occupation: Le Kreis d’Ehingen/Danube en Wurtemberg. Monographie, Buchau 1947 (Buchdruckereien Sandmaier Bad Buchau, Exemplar im Kreisarchiv ADK). Liedzeilen aus dem Horst-Wessel-Lied.


Robert Müßigmann

Robert Müßigmann ist Organisationsleiter der Ehinger KPD.50 Eidesstattliche Erklärung Robert Müßigmann vom 26.5.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 875]. Er kommt ebenfalls bei der Verhaftungswelle 1933 mit seinen Genossen ins KZ Heuberg. Ab 1939 ist er über die gesamten sechs Kriegsjahre als politischer Häftling im KZ Buchenwald interniert.

Müßigmann erinnert sich an Anfang und Ende der KZ-Haft: „Beim Verhör auf der politischen Abteilung Buchenwald wurden mir durch die SS fast sämtliche Zähne eingeschlagen. […] Beim Einmarsch der Amerikaner wog ich noch 85 Pfund infolge schlechter Ernährung.“ Ein fachärztliches Gutachten diagnostiziert acht Jahre nach seiner Befreiung eine „Trias“ von schwerer Hungerdystrophie, Schädeltrauma und chronischer Emphysem-Bronchitis. Das bedeutet: Systematische Mangelernährung, körperliche Misshandlungen und stundenlanges Antreten bei eisigen Temperaturen haben zu bleibenden Organschäden geführt.51 Fachärztliches Gutachten der Heilanstalt Schussenried vom 13.2.1953 und Schreiben der Heilanstalt Schussenried an das Versorgungsamt Ravensburg vom 20.7.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 880]. Die seelischen Folgen der KZ-Haft werden von der Schulmedizin in den fünfziger Jahren weitgehend ignoriert (vgl. Goschler, Schuld, S. 257).

Müßigmanns Inhaftierungsbescheinigung aus dem KZ Buchenwald52 StAS Wü 33 T 1 Nr. 880

Kaum zurück in Ehingen, wird der ehemalige KZ-Häftling Müßigmann vom neuen Landrat August Renz als „kriminell vorbestraft und asozial“ diffamiert (von sich selbst hingegen behauptet Renz, der vor 1933 Landtagsabgeordneter der Zentrumspartei war und auch im Dritten Reich bis 1944 Bürgermeister von Heufelden blieb, „dass kaum ein Mann so von den Nazis überwacht, verfolgt und schikaniert wurde, wie ich“).53 Landrat Renz an die Landesdirektion des Innern, 13.11.1945 [StAS Wü 13 T 1 Nr. 161]; Erklärung August Renz vom 29.8.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1114/119].

Müßigmann ist nach dem Krieg der wohl aktivste Antifaschist in Ehingen, arbeitet für die Kreisbetreuungsstelle für politisch Verfolge, vertritt die Liga gegen den Faschismus und engagiert sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes. Damit ist er all jenen ein Dorn im Auge, die zwölf Jahre Nationalsozialismus am liebsten unter den Teppich kehren würden. Die beiden Äußerungen von Landrat Renz fallen denn auch im Zusammenhang mit der politischen Säuberung, bei der Müßigmann eine wichtige Rolle spielt. Welchen Zweck der Landrat damit verfolgt, ist an anderer Stelle zu sehen, wenn es ausführlicher um die Entnazifizierung in Ehingen geht.54 www.ns-ehingen.de/forschung/entnazifizierung.

Die Wiedergutmachungsakte Müßigmanns umfasst mehrere Hundert Seiten55 StAS Wü 33 T 1 Nr. 880

Für die sechsjährige KZ-Haft erhält Müßigmann 1951 eine Entschädigung von 10.800 DM zugesprochen.56 Teilbescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 30.1.1951. Dazu kommt später noch eine „Entschädigung für Schaden an Körper und Gesundheit“ und eine Geldrente (Rentenbescheid vom 17.11.1956) [StAS Wü 33 T 1 Nr. 880]. Müßigmanns Wiedergutmachungsakte ist so umfangreich, dass der Autor dieses Textes den Versuch aufgegeben hat, den gesamten Vorgang genau zu rekonstruieren.


Max M.

Sowohl politisch-religiöse als auch rassische Verfolgungsgründe sind im Fall von Max M. sichtbar. Der katholische Kaufmann ist mit einer Jüdin verheiratet, lebt nach der nationalsozialistischen Rasselehre also in einer „Mischehe“. Er beantragt Wiedergutmachung, weil er seit 1933 wegen seiner jüdischen Ehefrau „keine günstigen Anstellungen finden konnte“. Das Landesamt hält dies für glaubwürdig, „denn es ist hinlänglich bekannt, dass namentlich im ganzen Oberland bei der Abwicklung von Geschäften auf solche Familienverhältnisse sehr streng geachtet wurde“.

M. wohnt „im Zeitpunkt seiner Schädigung“ in Ehingen. Ob seine Ehefrau auch in Ehingen oder nur im elterlichen Haus in Buchau lebt, wo sie Mitinhaberin einer Wäschefabrik ist, geht aus den Akten nicht eindeutig hervor.

1937 verbreitet M. als überzeugter Katholik ein Flugblatt des Münsteraner Bischofs von Galen, in dem die nationalsozialistischen Angriffe gegen die katholische Kirche zurückgewiesen werden. Die Gestapo fängt ein Exemplar ab und fahndet nach M. Zu seinem Glück ist er gerade auf Geschäftsreise in Frankreich. Er wird gewarnt und bleibt in der Emigration.

Sein Bruder rät ihm, nach Deutschland zurückzukehren, wo er „eine gute Existenz“ haben könne. Seine jüdische Ehefrau allerdings „müsste natürlich ausgeschaltet sein, was ich dir schon vor vielen Jahren sagte […]. Für Ehingen würde sie Dir immer ein Hemmschuh sein.“

Doch Max M. bleibt dem Standpunkt treu: „Es mag sein und es ist mehr als wahrscheinlich, dass es mir in Deutschland materiell besser erginge als hier, besonders wenn ich mich von meiner Frau getrennt hätte. Einen solchen Schritt lehne ich aber nach Prüfung meines Gewissens ab und zwar deshalb, als es einen Eingriff in mein persönliches Menschenrecht bedeutet. […] Menschliche Pflicht habe ich stets an die Spitze meiner Handlungen gestellt und moralisch stehe ich fest genug, um zu unterscheiden, was Recht und Unrecht ist.“

1948 kehrt M. nach Ehingen zurück. Seine Ehefrau überlebt den Holocaust und stirbt 1952.

Das Landesamt erkennt an, dass Max M. „wegen seiner religiösen und weltanschaulichen Haltung […] nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt gewesen ist und dadurch Schaden erlitten hat“ und gewährt ihm eine Entschädigung.57 Sämtliche Zitate zum Fall Max M.: StAS Wü 33 T 1 Nr. 876.


Antisemitismus

Anders als im benachbarten Laupheim gibt es in Ehingen keine jüdische Gemeinde, also auch keine antisemitischen Aktionen – könnte man meinen. Deshalb unterstellt der bereits erwähnte Kommunist Robert Müßigmann bissig einem hiesigen Nationalsozialisten, der „für seinen Adolf zu allem bereit“ gewesen sei: „Dass wir in Ehingen keine Juden hatten […] war ihm bestimmt schlimm genug.“58 Müßigmann an die Spruchkammer des Internierungslagers Kornwestheim, 9.7.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1126/078].

Doch ein Fall, der eine „Nichtarierin“ betrifft und antisemitische Muster offenlegt, ist auch in Ehingen überliefert.


Ursula B.

Die in Berlin geborene, evangelisch getaufte Ursula B. arbeitet als Lehrerin in Ehingen. Wegen ihres jüdischen Vaters ist sie nach der nationalsozialistischen Rassearithmetik „Halbjüdin“.

1940 wird sie festgenommen. Ihr wird vorgeworfen, sie habe über Jahre hinweg das Vermögen ihrer Mutter verschwiegen, um sich Unterstützungsleistungen zu erschleichen. Die Mutter ist 1939 gestorben. Ursula B. hat das geerbte Geld nicht auf die Bank gebracht (wo das Vermögen von „Volljuden“ seit 1938 konfisziert wird und „Halbjuden“ Ähnliches befürchten müssen), sondern bei einem Notar deponiert. Damit habe sie sich der „Geldhamsterei“ schuldig gemacht. Das Stuttgarter Sondergericht kommt nach Ehingen und verurteilt Ursula B. wegen Betrugs und Vergehens gegen die Kriegswirtschaftsverordnung zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 15.000 Reichsmark.

Nach Kriegsende beantragt Ursula B., das damalige Verfahren wiederaufzunehmen. Doch das Landgericht Ravensburg weist ihren Antrag als unzulässig zurück. Unter anderem lastet das Gericht – wohlgemerkt im Jahr 1948, nicht im Dritten Reich – Ursula B. an, sie habe bei ihrer Festnahme im Juni 1940 „einen Barbetrag von 31 740 RM ohne gerechtfertigten Grund im Besitz“ gehabt. Daher sei die Verurteilung durch das Stuttgarter Sondergericht nicht zu beanstanden. Das Landgericht führt mit juristischer Spitzfindigkeit aus, für die „Mitwirkung politischer oder rassenmässiger Einflüsse bei der Verurteilung“ lägen keine hinreichenden Anhaltspunkte vor. „Die Antr.Stellerin behauptet zwar, sie sei bei der Hauptverhandlung vor dem Sondergericht von dem Vorsitzenden als Jüdin verhöhnt u. geschmäht worden, u. ihre Einwendungen seien als ‚jüdischer Dreh‘ bezeichnet worden. Daraus ergibt sich aber noch nicht, dass das Urteil durch rassenmässige Erwägungen beeinflusst wurde.“59 Beschluss des Landgerichts Ravensburg vom 29.12.1948 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Im Zuge von Ursula B.s Bemühungen um Wiedergutmachung werden einige Zeugnisse aus den Jahren 1946/47 aktenkundig, die ein düsteres Bild vom Leben einer als „Halbjüdin“ Stigmatisierten in Ehingen zeichnen.

Der evangelische Stadtpfarrer Kern schreibt, Ursula B. sei „als angebliche ‚Jüdin‘ in der hiesigen Stadt, deren Bevölkerung jedoch weit überwiegend katholisch ist, seit Jahren in jeder Weise bekämpft“ worden. Man habe sie „dauernd allen möglichen Beschimpfungen, Beleidigungen und Belästigungen ausgesetzt, bis es schliesslich ihren Verfolgern gelang, sie ins Gefängnis zu bringen.“ Nach ihrer Entlassung sei ihr die Rückkehr nach Ehingen verboten worden. Seit November 1945 wohne sie nun wieder in Ehingen. „Aber die alten Verfolgungen dauern fort.“ Sie werde „auf offener Strasse verhöhnt, niemand vermag sie dagegen zu schützen“.60 Schreiben Stadtpfarrer Kern vom 26.11.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Ein Polizeimeister bestätigt, dass Ursula B. im Dritten Reich „wegen ihrer jüdischen Abstammung (väterlicherseits) manchen Verfolgungen und Schikanen ausgesetzt war“ und „insbesondere durch die führenden Persönlichkeiten der Partei als ‚Jüdin‘, als ‚Judensau‘ u.a. bezeichnet“ wurde.61 Bestätigung Polizeimeister Eugen U. vom 9.9.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Mit demselben Tenor gibt Regierungsoberinspektor Josef F. die eidesstattliche Versicherung ab, dass Ursula B. und ihre Mutter „in ihrem Haus bei Tag und Nacht das Opfer ungewöhnlicher Störungen waren. Mehrfach warfen Personen Steine in Garten und an Fensterläden unter bedrohlichem Geschrei. […] Ich hatte bei diesen Auftritten damals den Eindruck einer organisierten Hetze und Bedrohung gegen die hilflosen Frauen […]. Sie wurden nach meiner persönlichen Wahrnehmung nicht nur als lästige Fremde sondern auch als Jüdinnen angepöbelt.“62 Eidesstattliche Versicherung vom 18.1.1947 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Der frühere Bürgermeister Hans Henger erklärt, er sei im Jahr 1934 im Gemeinderat für Ursula B. eingetreten, worauf ihm ein NSDAP-Ratsherr „scharf und drohend entgegentrat unter Hinweis darauf, dass mir dies als Bürgermeister schaden würde, da es nicht angehe, dass ich mich für eine Jüdin einsetze“.63 Erklärung von BM Henger vom 15.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Der neue Nachkriegsbürgermeister Max Kauter bestätigt Ursula B., „dass Sie als Opfer des Nazismus, schwere Verfolgung, Gefängnis und hohe Geldstrafen auf sich nehmen musste und Ihre berufliche Existenz vollständig verloren hat“.64 Bescheinigung BM Kauter vom 16.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Ursula B. selbst vermutet: „Im ganzen Kreis Ehingen war ich allein als nichtarisch bekannt, so tobte sich der ganze Rassenhass an mir aus.“65 Ursula B. an die Landesdirektion des Innern, 18.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].

Ihr Antrag auf Wiedergutmachung wird 1960 endgültig abgewiesen. Zu diesem Zeitpunkt hat sie Ehingen und Deutschland schon lange verlassen.66 Bescheid vom 22.4.1960 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894]. Ursula B. ist 1948 „ohne Abmeldung in die Schweiz verzogen“ (BMA Ehingen an das Landesamt für Wiedergutmachung, 23.12.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].


Schlüsse

Im katholisch-konservativ geprägten Ehingen, wo bis ins Jahr 1933 hinein die Zentrumspartei unangefochten dominierte, gab es zunächst weitverbreitete Vorbehalte gegen den Nationalsozialismus.67 So sprechen nach der Machtübernahme NSDAP-Kreisleiter Blankenhorn und Bürgermeister Henger rückblickend vom schweren Kampf und vielseitigen Widerständen gegen die NS-Bewegung in Ehingen (vgl. den Artikel über NSDAP-Kreisleiter Blankenhorn: www.ns-ehingen.de/forschung/blankenhorn). Manche arrangierten sich mit den neuen Machthabern. Andere hielten zumindest innere Distanz, die sich auf unterschiedliche Art auch offen äußern konnte.

Das alltägliche Schimpfen richtete sich weniger gegen die nationalsozialistische Politik oder Ideologie, sondern zielte meist auf sittlich-moralische Verfehlungen der NS-Führer („Arschficker“, „jeden Tag seinen Rausch“, „Nacktball veranstaltet“). Daneben gab es vereinzelt auch handfeste politische Widerstandsaktionen wie die verbotene Plakatwerbung eines Kommunisten, das Verbreiten von katholischen Flugblättern oder das Sabotieren einer Propagandarede auf dem Marktplatz. Zu Sanktionen führten alle Arten von Kritik. Auch bloßes Schimpfen konnte weitreichende Folgen haben, wenn das Stuttgarter Sondergericht eigens nach Ehingen kam und Exempel statuierte.

Bei den dargestellten Beispielen von regimekritischem Verhalten darf man allerdings nicht vergessen: Zu jeder Denunzierten gehörte auch ein Denunziant; neben der nach dem Heimtückegesetz Verurteilten, deren Haus mit Evakuierten überbelegt war, wohnte die „Nazifrau“, die unbehelligt bliebt; die als „Halbjüdin“ Diskriminierte wurde nicht nur vor dem NS-Sondergericht, sondern auch auf der Straße verhöhnt und bedroht.

Die nationalsozialistische Herrschaft war eben auch in Ehingen keine abstrakte anonyme Größe. Sie wirkte immer durch handelnde Personen, die sich zum Regime auf die eine oder andere Weise stellten, die mitmachten, davon profitierten oder Nachteile in Kauf nahmen. So zeigen die geschilderten Fälle die Bandbreite von Haltungen und Verhaltensweisen, die zwischen 1933 und 1945 in der oberschwäbischen Stadt erkennbar sind. Im Guten wie im Schlechten.


Die Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte an den Abbildungen liegen bei den dort jeweils angegeben Archiven.



Nachträge

Nach Auskunft einer Angehörigen sind zwei der NS-Opfer direkt miteinander verwandt: Pauline F. wurde 1942 denunziert und eingesperrt, nachdem sie auf die Ehinger Kreisleitung geschimpft hatte. Sie war wohl die Schwester des Kommunisten Ludwig Reichert, der 1933 drei Monate im KZ Heuberg und 1937 zehn Tage wegen verbotener Plakatwerbung im Ehinger Amtsgerichtsgefängnis inhaftiert war. Nach der Verurteilung seiner Schwester verhaftete ihn die Gestapo 1943 erneut „wegen politischer Unzuverlässigkeit“. Die Angehörige erinnert sich, wie die dauerhaften Verfolgungen die Familie noch lange geprägt hätten. Auf spätere Fragen nach der NS-Zeit habe es oft geheißen: „Frog id, sag nix, sonscht holled se de“.

„Sonderausweis KZ“ von Ludwig Reichert

Zum Fall Lina Saile ist das Urteil des Stuttgarter Sondergerichts im Bundesarchiv Berlin überliefert.68 Urteil vom 21.12.1943, Abschrift [BA R 3001/IV g 13 1219/43]. Sie hatte im August 1943 in ihrer Gastwirtschaft zu einem Soldaten gesagt, in 14 Tagen sei der Krieg aus: „Dafür sorgen ‚die‘ und hauptsächlich die Bombengeschädigten im Rheinland.“ Das Gericht ging der Frage nach, wen Lina S. mit „die“ gemeint hatte („ob die Kommunisten oder die Regierungsgegner in dem schwarzen Ehingen“), ohne dies klären zu können. Das Urteil stellte fest: „Die Angeklagte hat über die auf Erringung des Endsieges gerichteten Massnahmen der Staatsführung öffentlich gehässige und hetzerische Äußerungen gemacht, die geeignet sind, das Vertrauen des Volkes zur politischen Führung zu untergraben.“ Weil sie „gerade an einen Frontsoldaten in dieser üblen Weise hingeschwatzt“ habe, grenze „ihr Benehmen mindestens an Wehrkraftzersetzung“. Das Sondergericht verhängte eine Gefängnisstrafe von acht Monaten.

Wie im Abschnitt „Antisemitismus“ zitiert, bilanzierte die als „Halbjüdin“ diskriminierte Ursula B. rückblickend: „Im ganzen Kreis Ehingen war ich allein als nichtarisch bekannt, so tobte sich der ganze Rassenhass an mir aus.“69 Ursula B. an die Landesdirektion des Innern, 18.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894]. Tatsächlich gab der Landrat auf eine Anfrage der Gestapo am 24.5.1937 die Auskunft: „Im Kreis Ehingen sind keine Juden wohnhaft.“70 StAS Wü 65/9 T 2-4 Nr. 2412.

Auskunft des Ehinger Landrats an die Gestapo vom 24.5.1937 [StAS Wü 65/9 T 2-4 Nr. 2412]

Fußnoten

Fußnoten
1 Vgl. Franz-Josef Ziwes: Entschädigungsakten/Wiedergutmachungsakten, in: Südwestdeutsche Archivalienkunde [https://www.leo-bw.de/themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archivaliengattungen/akten/inhaltliche-unterscheidung/entschadigungs-und-wiedergutmachungsakten (Stand 31.3.2020)].
2 Zur Wiedergutmachungspolitik allgemein die umfassende Studie von Constantin Goschler: Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005.
3 Antrag auf Wiedergutmachung vom 30.4.1949; Schreiben an das Amt für Wiedergutmachung vom 27.4.1953 [Staatsarchiv Sigmaringen (StAS) Wü 33 T 1 Nr. 879].
4 StAS Wü 33 T 1 Nr. 879
5 Schreiben Anton R. an das LRA Biberach, 18.5.1946; Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 14.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 883].
6 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 14.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 883].
7 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 14.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 883].
8 Fragebogen vom 29.7.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].
9 StAS Wü 33 T 1 Nr. 864
10 Anna B. an das Landesamt für Wiedergutmachung, 6.4.1951 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].
11 Anna B. an das Landesamt für Wiedergutmachung, 6.4.1951 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].
12 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 7.4.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 864].
13 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 29.5.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 905].
14 Sämtliche Zitate zum Fall Lina S.: Teilbescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 19.11.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 884].
15 Zu Josef Eisele gibt es keine Wiedergutmachungsakte. Die folgende Darstellung beruht auf seiner Entnazifizierungsakte, die neben den üblichen Persilscheinen außergewöhnlich viele Abschriften von Unterlagen aus dem Dritten Reich enthält und daher zuverlässige Aussagen erlaubt [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
16 „Jahrestag der Machtübernahme durch den Führer“, in: VERBO vom 1.2.1934. Eisele führt unter anderem die „Gleichschaltung der Länder“, die „Säuberungsaktion des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens“ und die „Reinigung von volksfremden Elementen“ an.
17 Nach der Radioübertragung einer Hitlerrede habe die Lehrerin gesagt: „Geschrien hat er, geschrieen. Und gehetzt, gehetzt. Das war die reinste Hetzrede. Sie hatte gar keinen Inhalt. (Mit beiden Fäusten die […] Schläfen trommelnd:) Ich kann nicht verstehen, wie dem (Adolf Hitler) Millionen Deutsche nachlaufen können; dass man so dumm sein kann. Das ist ja grausig.“ (Schulrat Eisele und der Landrat an Frl. Lehrerin E[.], Abschrift, 29.7.1933 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1131/023]).
18 Eisele an den Staatskommissar, 31.8.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
19 Gouvernement Militaire de la Zone Francaise d’Occupation: Le Kreis d’Ehingen/Danube en Wurtemberg. Monographie, Buchau 1947 (Buchdruckereien Sandmaier Bad Buchau, Exemplar im Kreisarchiv ADK).
20 Eisele an das Kreisgericht der NSDAP, Abschrift, 9.10.1941 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
21 „Beschwerde gegen den Leiter der deutschen Volksschule in Uigendorf (W. King) und den Leiter des Bezirksschulamts Ehingen, Schulrat Eisele“ von Kreisleiter Zirn an die Ministerialabteilung für die Volksschulen in Stuttgart, Abschrift, 7.2.1942 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
22 NSDAP-Kreisleitung Ehingen an das Amt für Erzieher, Abschrift, 25.1.1942 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
23 Erklärungen zum Fragebogen, 18.1.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]. Seinen Austritt begründet Eisele mit dem schon länger laufenden Parteigerichtsverfahren gegen ihn, dessen Abschluss er endlich herbeiführen will. „Das Verfahren ist lediglich ein weiteres Glied in der Kette der Schikanen von seiten der Partei. Ich empfinde es als einen Gewissenszwang. Dagegen verwahre ich mich und erkläre deshalb meinen Austritt aus der NSDAP.“ (Eisele an die NSDAP-Kreisleitung, Abschrift, 29.3.1943 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]).
24 Eisele an den Staatskommissar, 31.8.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
25 Beurteilung KRUA Ehingen vom 4.2.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
26 Spruchkammerurteil vom 2.11.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1119/026].
27 Eidesstattliche Erklärung Josef Münch vom 15.9.1952 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879]. Der erwähnte Mann kann nicht als Zeuge benannt werden, weil er da „schon lange gestorben“ ist. Wenn Münchs Darstellung stimmt, dann hatten 1933 lokale Parteileute Einfluss darauf, wer ins KZ Heuberg gebracht wurde und wer nicht.
28 Anklageschrift des Oberstaatsanwalts beim Sondergericht Stuttgart, Abschrift, 17.11.1938 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].
29 Teilbescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 30.6.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].
30 Josef Münch an das Amt für Wiedergutmachung, 1.3.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].
31 Bescheide Landesamt für Wiedergutmachung vom 9.12.1957 und vom 4.5.1960 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 879].
32 Gottlieb Fink an das Amt für Wiedergutmachung, 23.3.1952 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896].
33 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 9.1.1953 und eidesstattliche Versicherungen des damaligen Gefängnisaufsehers Pius Sproll vom 8.6.1954 und der Ehefrau Finks vom 5.6.1954 (StAS Wü 33 T 1 Nr. 896).
34 Amt für Wiedergutmachung an BMA Ehingen, 3.12.1951 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]. Indem die Wiedergutmachungsbehörden den Nachweis einer politisch ernsthaften und sittlich gefestigten politischen Überzeugung verlangen, erschweren sie nicht nur Kommunisten, sondern auch anderen Opfergruppen den Zugang zu Entschädigungen. Zum Beispiel werden wegen „Rasseschande“ zu jahrelangem Zuchthaus verurteilte Frauen von einer Entschädigung ausgeschlossen „mit der Begründung, sie hätten den Geschlechtsverkehr nicht aus sittlich gefestigter Auffassung gepflogen“ (so 1953 ein Mitglied des Bundestags-Ausschusses für Rechtswesen und Verfassungsrecht, zit. nach: Goschler, Schuld, S. 196).
35 BMA Ehingen an das Landesamt für Wiedergutmachung, 10.9.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]. Fink selbst führt seine Tätigkeit als Stadtrat als Beweis für seine positive Einstellung zur Demokratie an. „Sämtliche Mitglieder des Stadtrats, auch der damalige Bürgermeister Kauter (CDU) haben mit immer wieder bestätigt, daß meine Haltung in jeder Hinsicht positiv war. Ich möchte fast sagen, es ist in Ehingen stadtbekannt, daß ich überzeugter Kommunist bin, aber dennoch und, nach meiner Ansicht gerade deshalb, immer in erster Linie für den Menschen und dessen Grundrechte eingetreten bin.“ (Erklärung Finks vom 29.9.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896]).
36 StAS Wü 33 T 1 Nr. 896
37 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 15.12.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896].
38 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 16.5.1966 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 896].
39 Bescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 27.5.1968 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 875].
40 StAS Wü 33 T 1 Nr. 880. Im Zeitungsartikel heißt es: „Am Montagfrüh ging ein Transport Schutzhäftlinge nach dem Heuberg ab, unter denen sich auch drei Ehinger und ein Allmendinger Kommunist befanden.“ (Volksfreund für Oberschwaben, 25.4.1933)
41 Kreisleiter Blankenhorn an das Oberamt Ehingen, 6.11.1934 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].
42 Landespolizei Ulm an das Oberamt Ehingen, 13.11.1934 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].
43 Privatarchiv Renate Hartmann, Ehingen-Kirchen
44 Erklärung von Ludwig R. vom 12.5.1949 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].
45 Bescheinigung BMA Ehingen vom 28.12.1950 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882].
46 Markus Kienle: Das Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am Kalten Markt, Münster 1998, S. 79-89, Zitat S. 79f.
47 Ebda., S. 79-96
48 Dies berichtet sein Großneffe Wolfgang Baumbast (Schreiben an den Verfasser vom 9.3.2020).
49 Gouvernement Militaire de la Zone Francaise d’Occupation: Le Kreis d’Ehingen/Danube en Wurtemberg. Monographie, Buchau 1947 (Buchdruckereien Sandmaier Bad Buchau, Exemplar im Kreisarchiv ADK). Liedzeilen aus dem Horst-Wessel-Lied.
50 Eidesstattliche Erklärung Robert Müßigmann vom 26.5.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 875].
51 Fachärztliches Gutachten der Heilanstalt Schussenried vom 13.2.1953 und Schreiben der Heilanstalt Schussenried an das Versorgungsamt Ravensburg vom 20.7.1953 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 880]. Die seelischen Folgen der KZ-Haft werden von der Schulmedizin in den fünfziger Jahren weitgehend ignoriert (vgl. Goschler, Schuld, S. 257).
52 StAS Wü 33 T 1 Nr. 880
53 Landrat Renz an die Landesdirektion des Innern, 13.11.1945 [StAS Wü 13 T 1 Nr. 161]; Erklärung August Renz vom 29.8.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1114/119].
54 www.ns-ehingen.de/forschung/entnazifizierung.
55 StAS Wü 33 T 1 Nr. 880
56 Teilbescheid Landesamt für Wiedergutmachung vom 30.1.1951. Dazu kommt später noch eine „Entschädigung für Schaden an Körper und Gesundheit“ und eine Geldrente (Rentenbescheid vom 17.11.1956) [StAS Wü 33 T 1 Nr. 880]. Müßigmanns Wiedergutmachungsakte ist so umfangreich, dass der Autor dieses Textes den Versuch aufgegeben hat, den gesamten Vorgang genau zu rekonstruieren.
57 Sämtliche Zitate zum Fall Max M.: StAS Wü 33 T 1 Nr. 876.
58 Müßigmann an die Spruchkammer des Internierungslagers Kornwestheim, 9.7.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1126/078].
59 Beschluss des Landgerichts Ravensburg vom 29.12.1948 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
60 Schreiben Stadtpfarrer Kern vom 26.11.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
61 Bestätigung Polizeimeister Eugen U. vom 9.9.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
62 Eidesstattliche Versicherung vom 18.1.1947 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
63 Erklärung von BM Henger vom 15.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
64 Bescheinigung BM Kauter vom 16.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
65 Ursula B. an die Landesdirektion des Innern, 18.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
66 Bescheid vom 22.4.1960 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894]. Ursula B. ist 1948 „ohne Abmeldung in die Schweiz verzogen“ (BMA Ehingen an das Landesamt für Wiedergutmachung, 23.12.1959 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
67 So sprechen nach der Machtübernahme NSDAP-Kreisleiter Blankenhorn und Bürgermeister Henger rückblickend vom schweren Kampf und vielseitigen Widerständen gegen die NS-Bewegung in Ehingen (vgl. den Artikel über NSDAP-Kreisleiter Blankenhorn: www.ns-ehingen.de/forschung/blankenhorn).
68 Urteil vom 21.12.1943, Abschrift [BA R 3001/IV g 13 1219/43].
69 Ursula B. an die Landesdirektion des Innern, 18.10.1946 [StAS Wü 33 T 1 Nr. 6894].
70 StAS Wü 65/9 T 2-4 Nr. 2412.