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Christian Rak (Mai 2020)

NSDAP-Kreisleiter Richard Blankenhorn: „Irren ist menschlich“

Richard Blankenhorn ist in den ersten Jahren der NS-Herrschaft der hochrangigste und profilierteste Nationalsozialist im Kreis Ehingen. Sein Werdegang ist in wichtigen Aspekten gut erforscht.1 Frank Raberg: Richard Blankenhorn – „Hauptagitator im Kreis“, in: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 2: NS-Belastete aus Oberschwaben, Gerstetten 2015, S. 18-33. Im Folgenden werden einige Quellenfunde präsentiert, die das Bild Blankenhorns ergänzen, Widersprüche zu seiner Selbstdarstellung sichtbar machen und die nachzeichnen, wie er nach 1945 an seiner Rehabilitierung arbeitet. Sein Fall ist ein Paradebeispiel für den Verlauf der sogenannten „Entnazifizierung“. Dabei zeigt sich, wie schwierig ein eindeutiges historisches Urteil über individuelle Schuld und Verantwortung im Dritten Reich sein kann.


Die Fakten

Richard Blankenhorn wird am 4. April 1886 in Fronhofen bei Ravensburg geboren. 1898 kommt er nach Ehingen, wo sein Vater eine Stelle als Volksschullehrer annimmt. Der Sohn tritt in die väterlichen Fußstapfen und wird ebenfalls Lehrer. 1930 ist er Studienrat am Ehinger Gymnasium.

In der Weimarer Republik ist Richard Blankenhorn einige Jahre Mitglied zuerst der Zentrumspartei, dann der DNVP. Im Januar 1931 gründet er mit Mitstreitern in Ehingen eine NSDAP-Ortsgruppe. Von Juli 1931 bis Oktober 1932 ist er NSDAP-Bezirksleiter des Kreises 11 Donau.2 Schulamts-Stammliste vom 7.9.1935 [Staatsarchiv Sigmaringen (StAS) Wü 82 T 4 Nr. 21]. Im April 1932 zieht er für die NSDAP in den württembergischen Landtag ein. Nach der Machtübernahme arbeitet er einige Monate im Stuttgarter Kulturministerium. Von 1932 bis 1937 bekleidet er das Amt des NSDAP-Kreisleiters, zudem ist er Gauinspekteur für Hohenzollern.3 Schulamts-Stammliste vom 7.9.1935 [Staatsarchiv Sigmaringen (StAS) Wü 82 T 4 Nr. 21]. Blankenhorn ist in diesen Jahren zweifellos der mächtigste Parteimann im Kreis Ehingen.

Richard Blankenhorn im Kreis der Parteigenossen, mit denen er 1931 die Ehinger NSDAP-Ortsgruppe gegründet hat (Aufnahmen von 1935) [Archiv Foto Werner]

Im Januar 1934 wird Blankenhorn zum Leiter des Ehinger Gymnasiums ernannt. Als er sich 1937 zwischen Parteiamt und Schulleitung entscheiden muss, legt er die Kreisleitung nieder. Danach hat er in der NSDAP keine Führungsämter mehr inne.


Blankenhorns Selbstdarstellung

Liest man die Erklärungen Blankenhorns in seiner Entnazifizierungsakte, so ergibt sich folgendes Bild:

Richard Blankenhorn tritt 1931 „aus reinem Idealismus“ in die Partei ein. „Dass allerdings eine Politik der Macht entstehen sollte, konnte ich nicht voraussehen, billigte es auch nicht.“ Sein Einsatz für die Partei an oberster Stelle macht ihn nicht etwa mitverantwortlich für die NS-Herrschaft. Ganz im Gegenteil, die Führungsämter ermöglichen ihm, Widerstand von innen zu leisten: „Mein Bestreben war, das Gute zu tun, jeden Übergriff zu verhindern und dazu hatte ich ausreichend Gelegenheit, gerade in meiner Funktion als Kreisleiter.“4 Spruchkammersitzung vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].

Nachdem er 1937 das Amt als Kreisleiter niederlegt, zieht er sich „nahezu ganz aus der Politik zurück“ und widmet sich „nur noch dem Schuldienst“.5 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Blankenhorns Darstellung wird in zahlreichen Entlastungszeugnissen bekräftigt. Die Entnazifizierungs-Spruchkammer fasst zusammen: „Eine Reihe von Ehinger Bürgern, die nicht in der NSDAP waren, z.T. Lehrer, bestätigen, dass der Betroffene als Kreisleiter vielen bedrängten Menschen geholfen und Gutes erwiesen, auf Lehrer oder auf andere Personen in politischer Hinsicht nie einen Druck ausgeübt und sich immer unparteiisch verhalten hat, ferner, dass er in der Nazizeit bei der Einwohnerschaft beliebt war und dies heute noch ist.“6 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Jegliche Mitschuld am Aufbau des verbrecherischen NS-Regimes weist Blankenhorn mit einer Erklärung von sich, die gemessen an seinem intellektuellen Niveau doch recht simpel ist: „Sich täuschen, ja irren kann jedermann, auch der Gebildete; denn Irren ist menschlich. […] Ich kann zusammenfassend mit Recht sagen. Ich war stets Idealist und habe nur das Gute gewollt. Leider bin ich enttäuscht worden, was ich tief bedaure.“7 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].


Widersprüche

Stellt man den Angaben in Blankenhorns Entnazifizierungsakte andere Quellen gegenüber, dann zeigen sich Widersprüche:

1. „Dass allerdings eine Politik der Macht entstehen sollte, konnte ich nicht voraussehen, billigte es auch nicht.“8 Spruchkammersitzung vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].

Diese Behauptung ist – man kann es bei aller Zurückhaltung nicht anders sagen – blanker Unsinn. Politik und Rhetorik der NSDAP sind von Beginn an auf den Kampf um die absolute Macht angelegt, und Blankenhorn selbst kämpft politisch an vorderster Front. Im Dezember 1932 droht er im Landtag, die Nationalsozialisten hätten „diesen morschen und überlebten Parlamentarismus satt, und zwar vollständig satt“. An dessen Stelle werde bald „etwas anderes kommen“.9 Protokoll der Landtagssitzung vom 1.12.1932, zit. nach: Frank Raberg: Richard Blankenhorn – „Hauptagitator im Kreis“, in: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 2: NS-Belastete aus Oberschwaben, Gerstetten 2015, S. 18-33, S. 23.

Was gleich nach der Machtübernahme kommt, ist die gewaltsame Einschüchterung und Ausschaltung der politischen Gegner. Ehingen bleibt da nicht außen vor. Bei einer großangelegten Verhaftungswelle im März 1933 werden auch sieben Ehinger, hauptsächlich Kommunisten, in das erste württembergische Konzentrationslager auf dem Heuberg eingeliefert. Einer von ihnen stirbt an den Folgen der Folter, die ihm im KZ zugefügt wird.10 Außer den sieben KZ-Häftlingen aus der Stadt Ehingen stammen vier weitere aus dem Kreisgebiet (Liste „Heubergschutzhäftlinge“, Oberamt Ehingen, o.D. [Wü 33 T 1 Nr. 880]). Vgl. den Artikel „Distanz zum NS-Regime: Schimpfen, Subversion, Verfolgung“ auf diesen Seiten (www.ns-ehingen.de/forschung/distanz).

Blankenhorn ist zu dieser Zeit NSDAP-Kreisleiter und bleibt es auch in den folgenden vier Jahren, in denen die Partei ihre Gewaltherrschaft ausbaut. Dass die Politik der NSDAP eine rücksichtslose „Politik der Macht“ ist, kann dem Kreisleiter, der die Anordnungen der Gauleitung auszuführen hat, gewiss nicht verborgen bleiben. Zumal er im Dritten Reich selbst seinen Beitrag im frühen Kampf für die NS-Bewegung hervorhebt. Das wird noch zu sehen sein.

2. Ein katholischer Geistlicher versichert, dass Blankenhorn „wiederholt betont habe, er wolle eine religiöse Erziehung der Jugend haben“.11 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Im Juni 1933 schickt der Kreisleiter die SS los, das Heim der katholischen Jugend im Hopfenhaus zu besetzen. Die kirchlichen Jugendorganisationen dürfen ab sofort nicht mehr öffentlich auftreten.12 Volksfreund für Oberschwaben vom 22.6.1933.

Blankenhorn ist Leiter der Arbeitsgemeinschaft für den weltanschaulichen Unterricht im Kreis Ehingen.13 Schreiben der Kreisleitung Ehingen an das Amt für Erzieher vom 15.1.1942 (in Entnazifizierungsakte Josef Eisele [Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]). Mit dem weltanschaulichen Unterricht wollen die Nationalsozialisten Schüler vom Religionsunterricht fernhalten.

1936 gerät er in Konflikt mit NSDAP-Führern, weil er sich kirchlich trauen lässt. Im Dezember 1937 tritt er aus der katholischen Kirche aus (und 1946 wieder ein).14 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Die Toleranz Blankenhorns in kirchlichen Fragen hat klare Grenzen, die von der NS-Ideologie gezogen werden. Der Ulmer Maler Wilhelm Geyer, einer der bedeutendsten Vertreter religiöser Kunst im 20. Jahrhundert, gibt nach dem Krieg eine eidesstattliche Versicherung ab: „1936 malte ich die Taufkapelle der Stadtpfarrkirche in Ehingen mit Fresken aus. Der damalige Kreisleiter Blankenhorn wollte die Malerei als ‚entartet‘ bei der Bevölkerung in Misskredit bringen.“15 Eidesstattliche Versicherung von Wilhelm Geyer aus Ulm vom 3.3.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1134/030]. Geyer verstärkt die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen mit dem Hinweis, dass er „1943 in die Studentenrevolten im München verwickelt, in Gestapo-Haft u. vor Gericht“ war.

3. „Den Geist und die Seele der Jugend habe ich nicht durch die nat.soz. Lehre vergiftet.“16 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].

Am 30. Januar 1935 feiern die Ehinger Schulen den zweiten Jahrestag der nationalsozialistischen Machtübernahme. Oberstudiendirektor Blankenhorn appelliert an die Schüler: „Das Wichtigste aber ist das kommende Geschlecht. Daher trete die Jugend ein in die HJ als Träger des deutschen Geistes, des Geistes der Kameradschaft und des Opfermutes. Ein Vorbild hat die Jugend in unserem Führer.“17 „Die Schulen feiern den 30. Januar“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 31.1.1935.

Mit einem feierlichen Gelöbnis wird im April 1937 Führers Geburtstag in der Ehinger Stadthalle begangen. Kreisleiter Blankenhorn hält wieder eine Ansprache. Auch die Jugend ist angetreten. Er mahnt zu bedenken, was der „Eid unverbrüchlicher Gefolgschaft auf den Führer“ bedeute. „Mögen auch Gegner sich gegen sein Bauwerk erheben, wir schwören den Eid auf sein Reich, auf sein Wollen, auf die Zukunft des deutschen Volkes. Die Jugend, die Zeuge dieser feierlichen Stunde ist, verlangt von uns, dass wir ein Reich schaffen, frei von allen Bindungen, die die politische Freiheit eines Volkes einzuengen versuchten, ein Reich der Einigkeit und Stärke nach innen und nach außen. Der Führer ist uns Vorbild.“18 „Sie schwuren ihm die Treue“, in: Ulmer Sturm/Ehinger Tagblatt vom 22.4.1937.

Als vier Wochen später ein neuer Bannführer der Ehinger Hitlerjugend eingesetzt wird, spricht auch der Kreisleiter. Der Zeitungsbericht hebt hervor, dass Blankenhorns „Name mit dem Aufbau der HJ. im Kreis Ehingen stets verbunden sein wird“.19 „Unaufhaltsam vorwärts“ in: Ulmer Sturm/Ehinger Tagblatt vom 15.5.1937.

4. Blankenhorn war „in weltanschaulichen Dingen wie auch in politischer Hinsicht tolerant“.20 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Im November 1933 erhält Richard Blankenhorn die Ehinger Ehrenbürgerwürde. Der Parteiführer hat sich zwar keine größeren Verdienste um die Stadt erworben, dafür aber eine Menge für den Aufstieg der NSDAP getan. So ehrt ihn der Gemeinderat explizit „als mutigen, unbeirrbaren Vorkämpfer der nationalsozialistischen Idee, der er durch sein zielbewußtes Wirken trotz vielseitiger Widerstände in Stadt und Bezirk Ehingen und weit darüber hinaus zum siegreichen Durchbruch verholfen hat“.21 Der gesamte Wortlaut der Ehrenurkunde (zit. nach: „Die Ansprache des Ehinger Stadtvorstandes“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 2.2.1934):
„Herrn Studienrat Richard Blankenhorn, dem mutigen, unbeirrbaren Vorkämpfer der nationalsozialistischen Idee, der er durch sein zielbewußtes Wirken trotz vielseitiger Widerstände in Stadt und Bezirk Ehingen und weit darüber hinaus zum siegreichen Durchbruch verholfen hat, ist am 23. November 1933 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Ehingen verliehen worden.
Dies geschieht in aufrichtiger Würdigung und in dankbarer Anerkennung der sonstigen Verdienste, die er sich als begeisterter Gefolgsmann unseres Führers Adolf Hitler in dessen Bestrebungen um die Schaffung einer wahren deutschen Volksgemeinschaft ebenso wie als Kreisleiter in schwerer Uebergangszeit um die Gemeinde und ihre Angehörigen erworben hat.
Auf einstimmigen Beschluß des Gemeinderats.
Der Vorsitzende:
Dr. Henger, Bürgermeister.“
Bürgermeister Henger fügt hinzu, „dass wir in ihm auch den Führer ehren wollen“.22 Henger erwähnt in seiner Ansprache: „Man ist […] des öfteren mit der Anregung an mich herangetreten, dem Beispiel anderer Städte und Dörfer folgend, dem Führer Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht [zu] verleihen.“ Er habe davon abgesehen und sich darauf beschränkt, die Ehinger Hauptstraße nach Hitler zu benennen. So ist die Auszeichnung des örtlichen NS-Führers Blankenhorn möglicherweise auch ein diplomatischer Ausweg, um den Reichsführer Hitler nicht ehren zu müssen. („Die Ansprache des Ehinger Stadtvorstandes“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 2.2.1934).

Vier Jahre später, im Mai 1937, geht es bei der Übergabe des Kreisleiteramts an Franz Josef Zirn wieder um Blankenhorns Verdienste im Kampf um die Macht. Diesmal erinnert Blankenhorn selbst an die Anfänge der NSDAP in Ehingen: „Der Kampf war schwer.“ Er habe es stets als seine wichtigste Aufgabe angesehen, die „Zweifler zum Nationalsozialismus zu führen“, wobei „der Kampf auf weltanschaulichem Gebiet eine straffe Führung und eine restlose Gefolgschaft“ erfordere. Und auch hier hebt er die „Organisation der Jugend“ hervor, „die er aus kleinsten Anfängen heraus begründet und mit heraufgeführt“ habe. Blankenhorn schließt mit dem „Gelöbnis, auch weiterhin stets Kämpfer zu sein für Bewegung, Volk, und Vaterland“.23 „Der neue Parteikreis Ehingen ist gegründet“, in: Ulmer Sturm/Ehinger Tagblatt vom 22.5.1937.

Andererseits dankt Bürgermeister Henger bei der Verleihung der Ehrenbürgerwürde Blankenhorn dafür, dass er nach der Machtübernahme keine Rache an seinen früheren politischen Gegnern geübt habe.24 Bürgermeister Henger selbst distanziert sich von diesen Gegnern, wenn er anerkennt, „daß er [Blankenhorn] die weitgehenden Befugnisse, die ihm als Kommissar und Kreisleiter zu Gebote standen, nicht […] dazu benützt hat, Rache an denen zu nehmen, die ihm so schweres Unrecht zugefügt hatten“. („Die Ansprache des Ehinger Stadtvorstandes“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 2.2.1934). Diese Quelle, die anders als die Persilscheine nicht erst aus der Nachkriegszeit stammt, kann man als Beleg dafür werten, dass Blankenhorn aus der Sicht von manchen Zeitgenossen tatsächlich toleranter ist als andere Parteiführer der NSDAP.

Dazu passt, dass sich der NSDAP-Kreisleiter zumindest in einer kleineren Angelegenheit sogar für einen Ehinger Kommunisten einsetzt. Er bewahrt ihn zwar nicht vor dem KZ (vorsichtig ausgedrückt). Doch als dieser dorthin von seiner Lebensversicherung Geld überwiesen bekommt und die Lagerleitung den Betrag einfach einzieht, bittet Blankenhorn das Oberamt, „gegebenenfalls dafür zu sorgen, dass er [der „frühere Kommunist“] das ihm gehörige Geld (ca. 70 RM) wieder erhält“.25 Schreiben Blankenhorns an das Oberamt (später „Landratsamt“) vom 6.11.1934. Sein Geld hat der KZ-Häftling vermutlich nicht wiedergesehen. Die Landespolizei Ulm schreibt am 13.11.1934 an das Oberamt, nach den bestehenden Bestimmungen werde „das von den Häftlingen eingebrachte und ihnen zugesandte Geld zur Deckung der Schutzhaftkosten verwendet“. Der Kommunist könne sich ja mit einem Gesuch an das Württembergische Innenministerium wenden. Die Schreiben sind in der Wiedergutmachungsakte des Kommunisten überliefert [Wü 33 T 1 Nr. 882].

Kreisleiter Blankenhorn setzt sich 1934 für einen Ehinger Kommunisten ein. Aus dem Briefkopf ist ersichtlich, dass inzwischen die NSDAP das Hopfenhaus, wo früher die katholischen Jugendverbände untergebracht waren, in Beschlag genommen hat und die Obere Hauptstraße in Adolf Hitlerstraße umbenannt ist. [StAS Wü 33 T 1 Nr. 882]

5. Blankenhorn führt als Beweis für seine tolerante Haltung an, dass er „im Jahre 1939 den derzeitigen Leiter des Gymnasiums Ehingen, Herrn Prof. Dr. Schmid, einen kath. Geistlichen, der bereits pensioniert war, wieder in den aktiven Schuldienst zurückgeholt“ hat.26 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025].

Prof. Schmid ist 1933 als neuer Rektor des Gymnasiums vorgesehen. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wird daraus nichts.

Schmid stellt die Ereignisse später so dar: Blankenhorn, der „Hauptagitator der nat.soz. Partei“, habe ihm erklärt, er sei „in weiten Kreisen als scharfer Gegner der Bewegung bekannt“ und komme deshalb für die Schulleitung nicht in Frage. Tatsächlich seien dann „lauter waschechte Hitlerianer“, wie eben Blankenhorn selbst, auf diese Posten gekommen. Zudem habe Blankenhorn zu Schmid ganz offen gesagt: „Ich habe Sie während dieses Jahres immer wieder absichtlich gekränkt, damit Sie gehen!“ Er habe Schmid als Klassenlehrer abgesetzt und ihm jedes philologische Fach genommen. „Da ich [Schmid] fürchten mußte, daß die absichtlichen Kränkungen nicht aufhören werden, ging ich notgedrungen in Pension. Damit hatte Blankenhorn seinen Zweck erreicht.“27 Schreiben Prof. Schmid an die Schulbehörde vom 4.3.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Blankenhorn rechnet sich bei der Entnazifizierung also die Wiedereinstellung eines Lehrers an, den er erst wenige Jahre zuvor selbst aus dem Schuldienst gedrängt hat.

6. Nachdem Blankenhorn 1937 sein Amt als Kreisleiter niedergelegt hat, hat er sich „nahezu ganz aus der Politik zurückgezogen und nur noch dem Schuldienst gewidmet“.28 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Blankenhorn klagt nach seinem Abschied als Kreisleiter, wegen „Widersachern“ in der neuen Kreisleitung werde er nicht mehr als Parteiredner verwendet. Er erreicht nach Intervention beim Chef der Deutschen Polizei General Kurt Daluege, dass er während des Zweiten Weltkriegs wieder als Redner eingesetzt wird.29 Frank Raberg: Richard Blankenhorn – „Hauptagitator im Kreis“, in: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 2: NS-Belastete aus Oberschwaben, Gerstetten 2015, S. 18-33, S. 30. In Blankenhorns Personalakte sind 1941 und 1942 Meldungen an das Schulministerium überliefert, mit denen er Urlaub einreicht, um als Gauredner der NSDAP im Kreis Biberach und im Gau Baden aufzutreten – also Propaganda für den Nationalsozialismus zu betreiben.30 Schreiben Blankenhorn an die Ministerialabteilung für die höheren Schulen vom 8.12.1941 und 9.12.1942 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Urlaubsmeldung für den Einsatz als NSDAP-Redner [StAS Wü 84 T 4 Nr. 21]

Nach Kriegsende erklärt das neue Rektorat des Ehinger Gymnasiums: „In den letzten Jahren des Kriegs trat er [Blankenhorn] wieder mit dem Kreisleiter Hörmann als Propagandaredner auf.“31 StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025.

7. Blankenhorn hat „auf andere Personen in politischer Hinsicht nie einen Druck ausgeübt“.32 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

David Haußer, von 1935-37 NSDAP-Ortsgruppenleiter in Ehingen, rechtfertigt sich: „Die Tätigkeit als Ortsgruppenleiter wurde mir seinerzeit vom damaligen Kreisleiter Blankenhorn, trotz meiner Einwendungen, aufgezwungen.“33 Spruchkammerakte Haußer [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1112/074].

8. Blankenhorn ist „in der Nazizeit bei der Einwohnerschaft beliebt“.34 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Der Ehinger Architekt Albert Leimer war 1931 zusammen mit Blankenhorn Mitbegründer der NSDAP-Ortsgruppe, außerdem als Ratsherr für die NSDAP im Gemeinderat und Richter am NSDAP-Kreisgericht. Er gibt bei der Entnazifizierung an, er habe seine Ämter „rein nach den Richtlinien des gesunden Menschenverstandes, der persönlichen Sauberkeit, der Richtigkeit und Billigkeit, ohne Ansehen der Person und ohne Rücksicht auf egoistische Parteiinteressen“ geführt. Dadurch sei er „in dauernden schweren Gegensatz“ zu Kreisleiter Blankenhorn „wegen seines ehrenrührigen und untragbaren Lebenswandels“ geraten. „Meine unbeugsame Haltung gegen diesen Schädling trug mir im Jahre 1934/35 mehrere Verwarnungen von Seiten des übergeordneten Gaugerichts ein […].“ Leimer war froh, als 1937 „nach vierjährigem Kampf dieser allgewaltige Hoheitsträger schliesslich doch untragbar geworden und von seinem Amt als Hoheitsträger beseitigt war“.35 Albert Leimer an die Spruchkammer, Ergänzung des Meldebogens vom 2.3.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1134/030].

Natürlich darf man die Angaben von anderen Nationalsozialisten in ihren Entnazifizierungsverfahren nicht für bare Münze nehmen. Auch sie verfolgen ihre eigene Agenda. Je mehr Schuld die nachgeordneten Parteifunktionäre beim Kreisleiter abladen, umso weniger bleibt an ihnen hängen.

Welche Verantwortung für das verbrecherische Regime trägt Richard Blankenhorn also wirklich? Diese Frage ist zu beantworten, als nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur bei der politischen Säuberung über die Nationalsozialisten geurteilt wird.


Entnazifizierung

Wie ergeht es Blankenhorn nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes?

Die Landesverwaltung teilt Blankenhorn mit: „Auf Grund Ihrer Zugehörigkeit zur NSDAP vor dem 30. Januar 1933 werden Sie in vorläufiger Weise Ihrer Amtstätigkeit enthoben. Ihre Gehaltsbezüge werden mit Wirkung vom 1. Juli 1945 bis auf weiteres einbehalten.“36 Schreiben der Landesverwaltung für Kultur, Erziehung und Kunst in Württemberg an Blankenhorn, 21.7.1945 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Am 17.7.1945 wird der frühere NSDAP-Kreisleiter ins Ehinger Gefängnis eingeliefert. Von dort kommt er am 10.1.1946 ins Internierungslager Balingen, wo er bis zum 13.4.1946 einsitzt.37 Schreiben Blankenhorns an Staatspräsident Bock vom 12.12.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025]. Im Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 wird das Ende der Balinger Internierungshaft mit dem 13.6.1946 angegeben [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Im April 1946 wird Richard Blankenhorn das Ehrenbürgerrecht aberkannt.38 Auskunft der Stadtverwaltung Ehingen vom 18.2.2020. Demnach waren nach einem Erlass des Staatssekretariats Tübingen vom 25.3.1946 allen Ehrenbürgern, die während der NS-Herrschaft in der NSDAP oder im Staat eine aktive Rolle gespielt hatten, die Ehrenbürgerrechte abzuerkennen. Auf dieser Grundlage bat der Ehinger Bürgermeister Hans Henger das LRA, die Aberkennung von Blankenhorns Ehrenbürgerwürde zu genehmigen, was am 26.4.1946 geschah.

Noch aus seiner Haft heraus organisiert Blankenhorn bis Februar 1946 acht Entlastungszeugnisse, sogenannte „Persilscheine“, die ihm Ehinger Bürger, aber auch auswärtige hochrangige Personen wie der Stuttgarter Polizeidirektor Kneer und der frühere Landtagsdirektor Eisenmann zu seinen Gunsten ausstellen.39 StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025.

Einer der vielen „Persilscheine“ zugunsten von Blankenhorn. Alles, was entlastend wirkt, zählt. [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].

Dennoch urteilt der Ehinger Säuberungsausschuss, dem als Berufsgruppenverterter für die Schulen auch Prof. Schmid (der oben erwähnte Gegenspieler Blankenhorns aus dem Jahr 1933) angehört, im Oktober 1946 einstimmig: „Blankenhorn war ein fanatischer Anhänger sowie der geistige Urheber des Nationalsozialismuses im Kreis Ehingen und den umliegenden Kreisen.“ Der Ausschuss schlägt die Entlassung ohne Bezüge und ein Kreisverbot für die Dauer von 10 Jahren vor.40 Urteil KrUA Ehingen vom 21.10.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025]. Der Säuberungskommissar bestätigt im Juni 1947 die Entlassung ohne Bezüge und verhängt für die Dauer von 5 Jahren Sühnemaßnahmen wie den Entzug des Wahlrechts. Blankenhorn wird aus dem Kreis Ehingen verbannt und lebt vorerst von seiner Frau getrennt in Wurzach.41 Regierungsblatt für das Land Württemberg-Hohenzollern Jg. 1947, Beilage 19, S. 359.

Der Ehinger Säuberungsausschuss 1946 über Blankenhorn: „fanatischer Anhänger sowie der geistige Urheber des Nationalsozialismuses im Kreis Ehingen“ [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].


Rehabilitierung

Nach dem Urteil betreibt Blankenhorn mit enormem Aufwand seine Rehabilitierung. Am 25.11.1947 legt er Revision ein und fügt dem Schreiben an den Säuberungskommissar zwölf weitere Entlastungszeugnisse bei.42 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025]. Am 3.12.1947 erneuert er den Einspruch beim Säuberungskommissar.43 StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025. Am 12.12.1947 schickt er einen weiteren Einspruch mit 13 Anlagen an den Staatspräsidenten.44 Schreiben Blankenhorns an Staatspräsident Bock vom 12.12.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025].

Seine Aktivitäten tragen erste Früchte. Im Juni 1948 wird das Kreisverbot aufgehoben. Blankenhorn kehrt nach Ehingen zurück.45 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Im Juli 1948 schreibt Blankenhorn ohne jede Einsicht dem Säuberungskommissar (mit 15 Anlagen): „Durch die Währungsreform bin ich und meine Frau buchstäblich dem Hungertod preisgegeben. […]. Und wofür diese Diffamierung und unmenschlich harte und unchristliche Behandlung u. Bestrafung? Ich bin mir keiner Schuld bewusst; ich habe mich vielmehr in gutem Glauben für das deutsche Volk eingesetzt in der Meinung, für einen Rechtsstaat zu arbeiten. […] Und dafür soll ich so bestraft werden? für etwas, das damals erlaubt und richtig war?“46 Schreiben Blankenhorns an Säuberungskommissar Mayer vom 1.7.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025]. Einen ähnlich lautenden Brief schickt er am selben Tag an den Kultminister (Schreiben Blankenhorns an Kultminister Sauer vom 1.7.1945 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21]). Auch im Rückblick aus dem Jahr 1948, als der verbrecherische Charakter des NS-Regimes nicht mehr zu leugnen ist, war für Blankenhorn seine tatkräftige Mitwirkung bei der Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft also nicht nur „erlaubt“, sondern auch „richtig“.

Im Oktober 1948 hebt die Spruchkammer das frühere Urteil auf und stuft Blankenhorn nur in die Gruppe der Minderbelasteten ein. Innerhalb einer zweijährigen Bewährungsfrist darf er sich nicht politisch betätigen. Er wird zwei Besoldungsgruppen zurückgestuft. Außerdem wird die dienstliche Versetzung außerhalb des Kreises Ehingen angeordnet (was keine Rolle spielt, weil das Kultministerium Blankenhorn nicht mehr in den aktiven Schuldienst zurückkehren lässt).

Die Spruchkammer stellt zwar fest, „dass der Betroffene als Aktivist […] anzusehen ist. Er hat durch Wort und Tat in der Oeffentlichkeit durch Reden und Veröffentlichungen, sowie durch seine Tätigkeit als Kreisleiter wesentlich zur Errichtung, zur Festigung und zur Aufrechterhaltung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft beigetragen.“ Allerdings verdiene er eine mildere Beurteilung, weil erwiesen sei, „dass der Betroffene als Idealist zur Partei gegangen ist, dass er sich niemals hetzerisch und gewalttätig gegen Andersdenkende benommen hat, dass er ein Helfer bedrängter Menschen zu sein sich bemühte, dass er in weltanschaulichen Dingen wie auch in politischer Hinsicht tolerant war, sich gegen Gewalt und Unrecht wendete und endlich, als er sah, in welch verderbliche Richtung die NSDAP steuerte, sich von der Politik von 1937 ab zurückzuziehen begann.“47 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Nun tritt noch ein prominenter Fürsprecher auf den Plan. Staatssekretär a.D. Paul Binder wirbt im November 1948 beim Kultminister für die Weiterbeschäftigung Blankenhorns im Schuldienst. Doch der Minister lehnt ab: „Es bestehen bei der politischen Vergangenheit des Genannten schwere Bedenken, ihn einzustellen“. Obwohl es zu dieser Zeit in der Bevölkerung bereits massive Widerstände gegen die Entnazifizierungsmaßnahmen gibt und belastete Nationalsozialisten reihenweise zu Mitläufern erklärt werden, sieht der Minister im Fall Blankenhorn die öffentliche Meinung auf seiner Seite: „In der Bevölkerung dürfte jedes Verständnis dafür fehlen, wenn der Parteigenosse vom 1.1.1931, der Mitglied des württembergischen Landtags in der NSDAP, mehrjährig tätiger Kreisleiter von Ehingen und Gauredner gewesen war, bevorzugt behandelt würde, solange die Rechtlosigkeit des deutschen Volkes und das wirtschaftliche Elend als Folge der nationalsozialistischen Politik andauern. Welche Folgen ein solcher Schritt in der Öffentlichkeit, in der Presse und vor allem in der Stadtgemeinde, in der der Genannte angestellt werden würde, hätte, können sie wohl selbst ermessen.“48 Schreiben Kultminister an Paul Binder vom 20.11.1948 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Im Februar 1949 bittet Blankenhorn um eine Überbrückungsbeihilfe. „Ich bin völlig mittellos, da ich seit 1. August 1945 keinen Gehalt mehr beziehe.“49 Schreiben Blankenhorns an das Kultministerium vom 12.2.1949 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21]. Im Oktober 1949 wird ihm ein Unterhaltsbeitrag von monatlich 180 DM gewährt.50 Schreiben Kultusministerium vom 19.8.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Im Dezember 1949 wird der Staatssekretär a.D. noch einmal aktiv. Diesmal wendet er sich an Staatspräsident Gebhard Müller und bittet um eine mildere Beurteilung für Blankenhorn, „der anfänglich überzeugter Nationalsozialist gewesen sei, sich sehr bald von dem Treiben der Partei distanziert habe und sich in späteren Jahren mannhaft gegen Ungerechtigkeiten der Parteileitung eingesetzt habe“. Einen Beleg für diese Behauptung liefert er nicht.51 Schreiben Paul Binder an Staatspräsident Gebhard Müller vom 2.12.1949 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Auch der Landtagsabgeordnete und Oberamtsrichter Franz Gog schreibt zur selben Zeit an die Staatskanzlei, die Entscheidung gegen Blankenhorn sei zu hart.52 Schreiben Oberamtsrichter Gog an Staatskanzlei vom 16.12.1949 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Im November 1950 erklärt die Spruchkammer Richard Blankenhorn nach Ablauf der zweijährigen Bewährungsfrist zum Mitläufer. Von allen Sühnemaßnahmen bleibt nur die Zurückstufung der Besoldungsgruppe.53 Spruchkammerurteil vom 2.11.1950 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].

Das Spruchkammerurteil 1950 mit vorgedruckter Einstufung: „Mitläufer“ [StAS Wü 33 T 2 Nr. 2631/018]

Am 29.12.1950 wird Blankenhorn mit 2/3 der Versorgungsbezüge als Studienrat in den Ruhestand versetzt. Mit Erreichen des 65. Lebensjahres am 3.4.1951 tritt er in den regulären Ruhestand mit voller Pension, die allerdings nach der zurückgestuften Besoldungsgruppe berechnet wird.54 Schreiben Kultusministerium vom 19.8.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Im Januar 1954 bittet der Pensionär die Oberschulbehörde auch noch, die Zurückstufung aufzuheben. Und zwar verlangt er dies „als letzte Massnahme der Wiedergutmachung“.55 Schreiben Blankenhorns an die Oberschulbehörde vom 7.1.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21]. Diese aufschlussreiche Formulierung bringt seine Haltung zur Vergangenheit klar auf den Punkt. Eben erst hat der Bundestag das „Gesetz zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts“ beschlossen. „Wiedergutmachung“ meint dabei die Entschädigung der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Blankenhorn, der ehemalige Parteiführer und Hauptagitator der NSDAP, entwendet also den NS-Opfern diesen Begriff und vereinnahmt ihn für sich selbst. So sind nicht mehr die Verbrechen der Nationalsozialisten das eigentliche Unrecht, sondern die Versuche der Entnazifizierungsorgane, diese Verbrechen zu sühnen. Man kann hier mit Fug und Recht von einer Umkehr der historischen Täter- und Opferrollen sprechen.56 Blankenhorn steht mit diesem Denkmuster nicht alleine. Auf höchster politischer Ebene trägt der Deutsche Bundestag mit seiner Gesetzgebung dazu bei, dass die Trennlinie zwischen NS-Opfern und -Tätern zunehmend verwischt, indem er Gesetze miteinander koppelt, in denen die Wiedergutmachung der Ersteren geregelt wird und im gleichen Atemzug die Entnazifizierungsmaßnahmen für Letztere aufgehoben werden. So tritt 1951 das „Gesetz zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes“ für NS-Verfolgte in Kraft und gleichzeitig das sogenannte „131er-Gesetz“ für diejenigen Angehörige des öffentlichen Dienstes, die im Zuge der Entnazifizierung nach 1945 entlassen worden sind. (Constantin Goschler: Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005, S. 176).
Diese Umkehr von Täter- und Opferrollen findet sich bis in unsere Zeit auch in zahlreichen Familienerinnerungen an das Dritte Reich. Vgl. Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline: „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a.M. 2002, S. 72f.

Bitte um Aufhebung der Zurückstufung „als letzte Massnahme der Wiedergutmachung“ [StAS Wü 84 T 4 Nr. 21].

Blankenhorns Wunsch wird erfüllt. Die Zurückstufung wird aufgehoben. Er erhält seine ungeschmälerte Pension.57 Nach Erlass des Kultusministeriums vom 20.12.1954 gilt dies rückwirkend am 16.7.1953 (Kassenanweisung vom 28.12.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21]).

Als Blankenhorn 1966 den 80. Geburtstag feiert, gedenkt der Oberschulamtspräsident in einem Glückwunschschreiben „der großen Verdienste, die Sie sich vor allem am Gymnasium Ehingen um die Bildung und Erziehung der Jugend erworben haben. Möge Ihnen ein ruhiger Lebensabend bei guter Gesundheit beschieden sein.“58 Oberschulamt an Blankenhorn vom 1.4.1966 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].

Richard Blankenhorn stirbt am 10.1.1968 in Ehingen.


Schlüsse

Das Bild, das Richard Blankenhorn flankiert von zahlreichen Entlastungszeugnissen im Entnazifizierungsverfahren von sich zeichnet, hält einer Überprüfung nicht stand. Bei der Zusammenschau mit anderen Quellen tun sich viele Widersprüche auf, die zwar nicht immer eindeutig zu lösen sind, aber seine Darstellung doch in wesentlichen Punkten zweifelhaft erscheinen lassen. Dabei wird einmal mehr deutlich, dass die Entnazifizierungsakten mit ihrer Flut an entlastenden „Persilscheinen“ mit größter Vorsicht zu interpretieren sind.

Die Chuzpe, mit der der Hauptaktivist der NSDAP im Kreis Ehingen jegliche Verantwortung für den Aufbau des nationalsozialistischen Regimes von sich weist und sich selbst zum Opfer stilisiert, wird für diejenigen, die wirklich unter der NS-Herrschaft zu leiden hatten, schwer erträglich gewesen sein. Dass er damit durchkam, sagt einiges über den Umgang mit dem Nationalsozialismus nach 1945 aus.

Richard Blankenhorn verbringt seinen Lebensabend mit vollen Bezügen in Ehingen. Wer seine Geschichte vom Ende her betrachtet, kann sie als Beleg für die gescheiterte Entnazifizierung werten. Dabei würde allerdings übersehen, dass es eine Phase unmittelbar nach 1945 gab, in der die Säuberungsorgane schmerzhafte Sanktionen verhängten. Man muss Blankenhorn angesichts seiner guten Kontakte in höchste Kreise nicht abnehmen, dass er tatsächlich „buchstäblich dem Hungertod preisgegeben“ war. Doch die mehrmonatige Inhaftierung und die Entlassung aus dem Schuldienst, nach der er jahrelang ohne Einkommen aus dem Heimatkreis verbannt lebte, waren gewiss spürbare Sühnemaßnahmen.

Ob die Sanktionen seinem Beitrag bei der Errichtung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft entsprachen, war und bleibt eine Frage der Bewertung. NS-Opfer haben sie wohl mit einem klaren Nein beantwortet, ebenso wie die rangniedrigeren Ehinger Nationalsozialisten, von denen einige noch drei Jahre nach Kriegsende im Balinger Internierungslager einsaßen. Beide Gruppen hatten weniger prominente Fürsprecher als der ehemalige Landtagsabgeordnete, Kreisleiter und Schulrektor Richard Blankenhorn.

Doch diese Aspekte der Entnazifizierung in Ehingen sind ein Thema für eine eigene Betrachtung.59 Vgl. den Artikel „Entnazifizierung in Ehingen“ auf diesen Seiten (www.ns-ehingen.de/forschung/entnazifizierung).


Besonderer Dank gilt Hans-Peter Nabjinsky für die Aufnahmen aus dem Archiv Foto Werner und Veit Feger für den großzügigen Zugang zu seinem Zeitungsarchiv.

Die Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte an den Abbildungen liegen bei den dort jeweils angegeben Archiven.



Nachträge

Eine Festschrift des Ehinger Gymnasiums befasst sich bereits 1975 kritisch mit der Rolle des ehemaligen Schulleiters im Dritten Reich. Blankenhorn beteuerte ja in der Entnazifizierung, er habe auf andere Personen in politischer Hinsicht nie einen Druck ausgeübt und die Seele der Jugend nicht durch die nationalsozialistische Lehre vergiftet. Schulakten belegen: „Blankenhorn bemühte sich eifrig darum, Lehrer und Schüler für den Nationalsozialismus zu gewinnen“ und setzte dabei auch Zwangsmaßnahmen ein. 1940 verweigerte er den einzigen sechs Schülern, die nicht in der HJ organisiert waren, die Versetzung in die 8. Klasse. Die beim Kultministerium außerdem beantragte Verweisung von der Schule wurde nicht genehmigt. 1941 wurde den Schülern, die nicht HJ-Mitglied waren, das Reifezeugnis verwehrt.60 Georg Wieland: „Gymnasium für Oberschwaben“. Geschichte des Gymnasiums und des Konvikts in Ehingen (Donau), in: Gymnasium Ehingen (Hg.): 150 Jahre Gymnasium und Konvikt Ehingen (Donau), Ehingen 1975, S. 7-65, S. 41.

Ein weiterer Hinweisgeber regt an, auch zu erforschen, wie sich Richard Blankenhorn während der NS-Zeit bereichert habe, und nennt konkrete Liegenschaften.


Fußnoten

Fußnoten
1 Frank Raberg: Richard Blankenhorn – „Hauptagitator im Kreis“, in: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 2: NS-Belastete aus Oberschwaben, Gerstetten 2015, S. 18-33.
2 Schulamts-Stammliste vom 7.9.1935 [Staatsarchiv Sigmaringen (StAS) Wü 82 T 4 Nr. 21].
3 Schulamts-Stammliste vom 7.9.1935 [Staatsarchiv Sigmaringen (StAS) Wü 82 T 4 Nr. 21].
4 Spruchkammersitzung vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].
5 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
6 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
7 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].
8 Spruchkammersitzung vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].
9 Protokoll der Landtagssitzung vom 1.12.1932, zit. nach: Frank Raberg: Richard Blankenhorn – „Hauptagitator im Kreis“, in: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 2: NS-Belastete aus Oberschwaben, Gerstetten 2015, S. 18-33, S. 23.
10 Außer den sieben KZ-Häftlingen aus der Stadt Ehingen stammen vier weitere aus dem Kreisgebiet (Liste „Heubergschutzhäftlinge“, Oberamt Ehingen, o.D. [Wü 33 T 1 Nr. 880]). Vgl. den Artikel „Distanz zum NS-Regime: Schimpfen, Subversion, Verfolgung“ auf diesen Seiten (www.ns-ehingen.de/forschung/distanz).
11 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
12 Volksfreund für Oberschwaben vom 22.6.1933.
13 Schreiben der Kreisleitung Ehingen an das Amt für Erzieher vom 15.1.1942 (in Entnazifizierungsakte Josef Eisele [Wü 13 T 2 Nr. 1119/026]).
14 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
15 Eidesstattliche Versicherung von Wilhelm Geyer aus Ulm vom 3.3.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1134/030]. Geyer verstärkt die Glaubwürdigkeit seiner Ausführungen mit dem Hinweis, dass er „1943 in die Studentenrevolten im München verwickelt, in Gestapo-Haft u. vor Gericht“ war.
16 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].
17 „Die Schulen feiern den 30. Januar“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 31.1.1935.
18 „Sie schwuren ihm die Treue“, in: Ulmer Sturm/Ehinger Tagblatt vom 22.4.1937.
19 „Unaufhaltsam vorwärts“ in: Ulmer Sturm/Ehinger Tagblatt vom 15.5.1937.
20 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
21 Der gesamte Wortlaut der Ehrenurkunde (zit. nach: „Die Ansprache des Ehinger Stadtvorstandes“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 2.2.1934):
„Herrn Studienrat Richard Blankenhorn, dem mutigen, unbeirrbaren Vorkämpfer der nationalsozialistischen Idee, der er durch sein zielbewußtes Wirken trotz vielseitiger Widerstände in Stadt und Bezirk Ehingen und weit darüber hinaus zum siegreichen Durchbruch verholfen hat, ist am 23. November 1933 das Ehrenbürgerrecht der Stadt Ehingen verliehen worden.
Dies geschieht in aufrichtiger Würdigung und in dankbarer Anerkennung der sonstigen Verdienste, die er sich als begeisterter Gefolgsmann unseres Führers Adolf Hitler in dessen Bestrebungen um die Schaffung einer wahren deutschen Volksgemeinschaft ebenso wie als Kreisleiter in schwerer Uebergangszeit um die Gemeinde und ihre Angehörigen erworben hat.
Auf einstimmigen Beschluß des Gemeinderats.
Der Vorsitzende:
Dr. Henger, Bürgermeister.“
22 Henger erwähnt in seiner Ansprache: „Man ist […] des öfteren mit der Anregung an mich herangetreten, dem Beispiel anderer Städte und Dörfer folgend, dem Führer Adolf Hitler das Ehrenbürgerrecht [zu] verleihen.“ Er habe davon abgesehen und sich darauf beschränkt, die Ehinger Hauptstraße nach Hitler zu benennen. So ist die Auszeichnung des örtlichen NS-Führers Blankenhorn möglicherweise auch ein diplomatischer Ausweg, um den Reichsführer Hitler nicht ehren zu müssen. („Die Ansprache des Ehinger Stadtvorstandes“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 2.2.1934).
23 „Der neue Parteikreis Ehingen ist gegründet“, in: Ulmer Sturm/Ehinger Tagblatt vom 22.5.1937.
24 Bürgermeister Henger selbst distanziert sich von diesen Gegnern, wenn er anerkennt, „daß er [Blankenhorn] die weitgehenden Befugnisse, die ihm als Kommissar und Kreisleiter zu Gebote standen, nicht […] dazu benützt hat, Rache an denen zu nehmen, die ihm so schweres Unrecht zugefügt hatten“. („Die Ansprache des Ehinger Stadtvorstandes“, in: VERBO/Volksfreund für Oberschwaben vom 2.2.1934).
25 Schreiben Blankenhorns an das Oberamt (später „Landratsamt“) vom 6.11.1934. Sein Geld hat der KZ-Häftling vermutlich nicht wiedergesehen. Die Landespolizei Ulm schreibt am 13.11.1934 an das Oberamt, nach den bestehenden Bestimmungen werde „das von den Häftlingen eingebrachte und ihnen zugesandte Geld zur Deckung der Schutzhaftkosten verwendet“. Der Kommunist könne sich ja mit einem Gesuch an das Württembergische Innenministerium wenden. Die Schreiben sind in der Wiedergutmachungsakte des Kommunisten überliefert [Wü 33 T 1 Nr. 882].
26 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025].
27 Schreiben Prof. Schmid an die Schulbehörde vom 4.3.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
28 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
29 Frank Raberg: Richard Blankenhorn – „Hauptagitator im Kreis“, in: Wolfgang Proske (Hg.): Täter Helfer Trittbrettfahrer. Bd. 2: NS-Belastete aus Oberschwaben, Gerstetten 2015, S. 18-33, S. 30.
30 Schreiben Blankenhorn an die Ministerialabteilung für die höheren Schulen vom 8.12.1941 und 9.12.1942 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
31 StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025.
32 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
33 Spruchkammerakte Haußer [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1112/074].
34 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
35 Albert Leimer an die Spruchkammer, Ergänzung des Meldebogens vom 2.3.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1134/030].
36 Schreiben der Landesverwaltung für Kultur, Erziehung und Kunst in Württemberg an Blankenhorn, 21.7.1945 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
37 Schreiben Blankenhorns an Staatspräsident Bock vom 12.12.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025]. Im Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 wird das Ende der Balinger Internierungshaft mit dem 13.6.1946 angegeben [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
38 Auskunft der Stadtverwaltung Ehingen vom 18.2.2020. Demnach waren nach einem Erlass des Staatssekretariats Tübingen vom 25.3.1946 allen Ehrenbürgern, die während der NS-Herrschaft in der NSDAP oder im Staat eine aktive Rolle gespielt hatten, die Ehrenbürgerrechte abzuerkennen. Auf dieser Grundlage bat der Ehinger Bürgermeister Hans Henger das LRA, die Aberkennung von Blankenhorns Ehrenbürgerwürde zu genehmigen, was am 26.4.1946 geschah.
39 StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025.
40 Urteil KrUA Ehingen vom 21.10.1946 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 1121/025].
41 Regierungsblatt für das Land Württemberg-Hohenzollern Jg. 1947, Beilage 19, S. 359.
42 Schreiben Blankenhorns an den Säuberungskommissar vom 25.11.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025].
43 StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025.
44 Schreiben Blankenhorns an Staatspräsident Bock vom 12.12.1947 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025].
45 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
46 Schreiben Blankenhorns an Säuberungskommissar Mayer vom 1.7.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. Nr. 1121/025]. Einen ähnlich lautenden Brief schickt er am selben Tag an den Kultminister (Schreiben Blankenhorns an Kultminister Sauer vom 1.7.1945 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21]).
47 Spruchkammerurteil vom 12.10.1948 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
48 Schreiben Kultminister an Paul Binder vom 20.11.1948 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
49 Schreiben Blankenhorns an das Kultministerium vom 12.2.1949 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
50 Schreiben Kultusministerium vom 19.8.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
51 Schreiben Paul Binder an Staatspräsident Gebhard Müller vom 2.12.1949 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
52 Schreiben Oberamtsrichter Gog an Staatskanzlei vom 16.12.1949 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
53 Spruchkammerurteil vom 2.11.1950 [StAS Wü 13 T 2 Nr. 2631/018].
54 Schreiben Kultusministerium vom 19.8.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
55 Schreiben Blankenhorns an die Oberschulbehörde vom 7.1.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
56 Blankenhorn steht mit diesem Denkmuster nicht alleine. Auf höchster politischer Ebene trägt der Deutsche Bundestag mit seiner Gesetzgebung dazu bei, dass die Trennlinie zwischen NS-Opfern und -Tätern zunehmend verwischt, indem er Gesetze miteinander koppelt, in denen die Wiedergutmachung der Ersteren geregelt wird und im gleichen Atemzug die Entnazifizierungsmaßnahmen für Letztere aufgehoben werden. So tritt 1951 das „Gesetz zur Regelung der Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts für Angehörige des öffentlichen Dienstes“ für NS-Verfolgte in Kraft und gleichzeitig das sogenannte „131er-Gesetz“ für diejenigen Angehörige des öffentlichen Dienstes, die im Zuge der Entnazifizierung nach 1945 entlassen worden sind. (Constantin Goschler: Schuld und Schulden. Die Politik der Wiedergutmachung für NS-Verfolgte seit 1945, Göttingen 2005, S. 176).
Diese Umkehr von Täter- und Opferrollen findet sich bis in unsere Zeit auch in zahlreichen Familienerinnerungen an das Dritte Reich. Vgl. Welzer, Harald/Moller, Sabine/Tschuggnall, Karoline: „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis, Frankfurt a.M. 2002, S. 72f.
57 Nach Erlass des Kultusministeriums vom 20.12.1954 gilt dies rückwirkend am 16.7.1953 (Kassenanweisung vom 28.12.1954 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21]).
58 Oberschulamt an Blankenhorn vom 1.4.1966 [StAS Wü 82 T 4 Nr. 21].
59 Vgl. den Artikel „Entnazifizierung in Ehingen“ auf diesen Seiten (www.ns-ehingen.de/forschung/entnazifizierung).
60 Georg Wieland: „Gymnasium für Oberschwaben“. Geschichte des Gymnasiums und des Konvikts in Ehingen (Donau), in: Gymnasium Ehingen (Hg.): 150 Jahre Gymnasium und Konvikt Ehingen (Donau), Ehingen 1975, S. 7-65, S. 41.